Ihre Schwiegermutter umklammerte den Henkel ihrer Tasche fester. Für einen Augenblick veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Es war keine Wut, eher ein unsicheres Stocken, als hätte jemand den Boden unter einer vertrauten Gewohnheit weggezogen. Sie war daran gewöhnt, dass Mia bei solchen Gesprächen den Blick senkte, verlegen wurde und sich entschuldigte.
Diesmal jedoch sah Mia sie direkt an. Ruhig. Klar. Ohne auszuweichen.
„Du bist anders geworden“, sagte Katharina Bergmann schließlich. Es klang nicht einmal wie ein Vorwurf, eher wie eine Feststellung, die sie selbst überraschte.
„Möglich“, antwortete Mia.
Am Abend machte Leon eine Szene. Wirklich eine Szene, fast bühnenreif: Er lief im Wohnzimmer auf und ab, hob die Stimme, fuchtelte in Richtung Küche, als läge dort der Beweis für alles.
„Meine Mutter sagt, du hast sie vor allen Leuten aus deinem Büro geworfen!“
„Ich habe sie gebeten, nicht unangemeldet an meinem Arbeitsplatz aufzutauchen. Das ist eine völlig normale Bitte.“
„Sie ist eine ältere Frau!“
„Leon, sie ist gekommen, um mich zurechtzuweisen. Vor meinen Kollegen. Findest du das normal?“
Er blieb stehen, rieb sich über die Stirn und griff dann nach der Kühlschranktür. Mia wusste sofort, was als Nächstes kommen würde: Bier. Und mit dem Bier würde das Gespräch eine andere Richtung nehmen. Genau so geschah es. Flasche auf, Sofa, Fernseher.
„Du hast einfach keinen Respekt vor meiner Familie“, warf er in den Raum, mehr in Richtung Bildschirm als zu ihr.
Mia ging ins Wohnzimmer und stellte sich vor den Fernseher.
„Leon. Ich möchte, dass du es von mir hörst: Ich starte ein eigenes Projekt. Ein eigenes Geschäft. In den nächsten Monaten werde ich sehr eingespannt sein. Ich komme später nach Hause, ich werde Termine haben und Besprechungen. Ich informiere dich darüber. Ich bitte dich nicht um Erlaubnis.“
Er starrte sie über den Flaschenhals hinweg an.
„Was für ein Geschäft? Wovon redest du überhaupt?“
„Ich erkläre es dir, wenn du bereit bist zuzuhören.“
Dann ging sie hinaus, schloss die Schlafzimmertür hinter sich, holte den Laptop hervor und öffnete die Nachricht von Alexander Stein, die bereits am Morgen eingetroffen war: Hast du darüber nachgedacht? Ich warte auf deine Antwort.
Mia schrieb nur wenige Worte zurück: Ja. Wir fangen an.
Hinter der Wand murmelte der Fernseher. Tief unten rauschte irgendwo die Stadt. Und in ihr selbst richtete sich etwas leise, aber entschlossen auf, wie ein Zweig, der sich nach einem Sturm wieder streckt.
Die Scheidung kam nicht über Nacht. Sie wuchs langsam heran, wie ein Riss in einer Wand: zuerst haarfein und beinahe unsichtbar, dann breiter, deutlicher, unübersehbar. Irgendwann war klar, dass ein bisschen Farbe oder Putz daran nichts mehr ändern würde.
Leon erfuhr eher zufällig von dem Projekt. Auf dem Tisch lag ein ausgedruckter Vertrag mit der Unterschrift von Alexander Stein. Er nahm das Papier, überflog es hastig, und seine Miene verhärtete sich.
„Was soll das denn sein? Nimmst du einen Kredit auf?“
„Einen kleinen. Für das Projekt.“