
„Deinen Urlaub verbringst du mit uns im Gartenhaus“ verkündete die Schwiegermutter wie ein Urteil, während Laura fassungslos an die bereits gekauften Tickets dachte
Die selbstgerechte Dreistigkeit bricht mühsame Träume.
„Dann hör mir jetzt gut zu“, sagte die Schwiegermutter in einem Ton, als würde sie kein Gespräch führen, sondern ein Urteil verkünden. „Deinen Urlaub verbringst du mit uns im Gartenhaus. Damit ist alles gesagt. Keine Reise, keine Diskussion.“
Laura Hartmann stand mitten in ihrer Küche und sah Stefanie Baumann an. Diese Frau saß auf Lauras eigenem Sofa, als gehöre ihr nicht nur die Wohnung, sondern gleich auch noch die Möbel und die Menschen darin. Kräftig gebaut, laut, mit einer dauergewellten Frisur in einem Farbton zwischen reifer Pflaume und schlechtem Entschluss, trug sie den Ausdruck einer Person, die fest davon überzeugt war, dass die ganze Welt ihr etwas schuldig blieb.
„Ich habe die Tickets bereits gekauft“, erwiderte Laura ruhig.
„Dann gibst du sie eben zurück.“
Mehr kam nicht. Kein „bitte“, kein „wir würden uns freuen“, kein Versuch, es freundlich klingen zu lassen. Nur diese knappe Anweisung: Du gibst sie zurück. Punkt.

Auf dem Hocker neben dem Tisch saß Maximilian Schmitt, ihr Mann. Zweiunddreißig Jahre alt, breite Schultern, kluge Augen – und keinerlei erkennbare eigene Haltung, sobald es um seine Mutter ging. Er betrachtete mit auffälliger Konzentration das Muster der Tischdecke.
„Maximilian“, sagte Laura.
Er hob kaum den Blick. „Na ja… Mama hat schon recht. Im Garten ist es doch schön. Frische Luft, die Beete…“
„Die Beete“, wiederholte Laura langsam.
Sie wandte sich zum Fenster. Draußen flimmerte der Juli in der Hitze. Menschen gingen in leichten Sommerkleidern über den Gehweg, irgendwo lachte jemand. Dieses normale, lebendige Leben zog an ihr vorbei, während hier, in ihrer Küche, gerade beschlossen wurde, dass Laura wieder einmal nirgendwohin fahren sollte.
Stefanie Baumann war inzwischen aufgestanden und öffnete den Kühlschrank. Einfach so. Ohne zu fragen. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man die Tür des eigenen Kühlschranks aufzieht.
„Was hast du denn da wieder…“, murmelte sie und schob Dosen und Schalen zur Seite. „Schon wieder diese Salate von dir. Maximilian ist übrigens dünner geworden. Einen Mann muss man ordentlich ernähren.“
Laura schloss für drei Sekunden die Augen. Dann öffnete sie sie wieder.
Eine Stunde später waren sie weg. Stefanie Baumann mit einer Tüte Lebensmittel, die sie aus dem Kühlschrank „mitgenommen“ hatte. Maximilian mit einem schuldbewussten Blick und dem Versprechen, man werde „später noch einmal darüber reden“. Laura wusste genau, was dieses „später“ wert war.
Sie ging ins Wohnzimmer, nahm ihr Handy und öffnete die App der Fluggesellschaft. Die Reise hatte sie vor zwei Monaten gebucht: Sylt, ein Hotel direkt am Meer, acht Tage. Seit Januar hatte sie dafür Geld beiseitegelegt, von jedem Gehalt ein bisschen.
Ihr Finger schwebte über der Schaltfläche „Buchung stornieren“.
Dann legte sie das Telefon zur Seite.
Nein.
Einfach nur: nein.
Am nächsten Morgen kam Laura früher als sonst ins Büro. Sie arbeitete als leitende Managerin in einem kleinen Verlag – Bücher, Autoren, Termine, Deadlines und Kaffee in Mengen, die kaum noch gesund sein konnten. Ihre Freundin Mia Lehmann saß am Schreibtisch nebenan und begriff sofort, dass etwas passiert war, kaum dass sie Lauras Gesicht sah.
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