Geschichte
„Meine Mutter hat deine Kakteen in die Kälte gestellt“, sagte Lukas Werner, ohne auch nur so zu tun, als wäre ihm das peinlich

„Meine Mutter hat deine Kakteen in die Kälte gestellt“, sagte Lukas Werner, ohne auch nur so zu tun, als wäre ihm das peinlich

Unverschämte Einmischung, verletzend, demütigend und ungerecht.

1 782 Leser 7 Seiten ~4 Min.

„Meine Mutter hat deine Kakteen in die Kälte gestellt“, sagte Lukas Werner, ohne auch nur so zu tun, als wäre ihm das peinlich. „Vielleicht lernst du jetzt daraus. Man kann eine Wohnung nicht in ein Gewächshaus verwandeln und dabei vergessen, dass hier auch noch ein Ehemann lebt.“

Mit der Tasche in der Hand blieb ich im Flur stehen. Aus Richtung der Loggia kam eine Kälte, als läge dort kein isolierter Bereich mit Lampen und Messfühlern, sondern eine offene Straße. Es war Januar, draußen herrschten minus dreißig Grad, und sofort sah ich die weit aufgerissenen Fensterflügel. Auf den Regalen standen meine Haworthien, Astrophytum, Lithops und Ariocarpen. Für Lukas Werner waren das alles nur „Kakteen“. Für mich waren es seltene, sortenreine Sukkulenten, die ich über mehr als zehn Jahre zusammengetragen hatte.

Andrea Huber trat aus der Küche, in ihrer grauen Weste, und musterte mich, als kontrolliere sie nicht eine fremde Wohnung, sondern den Waschraum in einer Kurklinik. In der Hand hielt sie ein Küchentuch, das sie vermutlich schon an den ihrer Meinung nach „richtigen“ Platz gelegt hatte. Schuldig sah meine Schwiegermutter nicht aus. Eher zufrieden.

„Laura Köhler, fang jetzt nicht an“, sagte sie. „Ich habe nur gelüftet. Lukas bekommt von deinem Pflanzenhaus einen schweren Kopf. Ein Mann braucht Luft und nicht diese grüne Schwüle.“

„Sie haben die Loggia bei minus dreißig geöffnet?“, fragte ich.

„Dann waren die Pflanzen eben schwach“, gab Andrea Huber scharf zurück. „Schwaches Zeug muss man nicht im Haus züchten. Ich habe gleich gesagt: Diese Lampen, Bretter und Töpfe verderben die männliche Energie.“

Lukas Werner grinste kurz und lehnte sich gegen den Türrahmen. Er war dreiundfünfzig. Seit drei Jahren arbeitete er nicht mehr, weil „der Markt für sein Niveau nicht bereit“ sei. Gleichzeitig nahm er jeden Monat meine Überweisungen aus den Zinserträgen entgegen und nannte das Familienbudget. Ich war Chefökonomin in einer großen Bank, verwaltete meine Anlagen ruhig und sorgfältig, und irgendwann hatte ich ihm aus Bequemlichkeit Zugänge eingeräumt: eine Zusatzkarte, einen Dauerauftrag, Einsicht in das Wertpapierdepot, Vollmachten für einzelne Bankprodukte.

Damals hatte ich geglaubt, es würde den Alltag erleichtern. Ich wollte nicht jeden Monat einem erwachsenen Mann erklären müssen, weshalb er kein eigenes Geld hatte. Ich wollte nicht hören, ich würde ihn „mit Zahlen erdrücken“. Und ich wollte den Blick meiner Schwiegermutter nicht ertragen, diesen Blick einer Frau, die fest davon überzeugt war, ihrem Sohn sei im Leben etwas vorenthalten worden.

Jetzt stand eben dieser Sohn in meiner Wohnung und freute sich darüber, dass seine Mutter binnen einer Stunde zerstört hatte, was ich jahrelang gepflegt hatte.

Ich ging hinaus auf die Loggia und betrachtete die Regale. Die Lampen brannten noch, der Sensor blinkte warnend wegen der Temperatur, doch ein Teil der Pflanzen hatte sich bereits verfärbt. Die Blätter der Haworthien wirkten glasig, die Lithops waren eingefallen, einige kleine Sämlinge lagen flach auf der Erde. Ich riss nicht hektisch Töpfe an mich und stellte sie irgendwohin. Zuerst machte ich Fotos: die Loggia im Ganzen, die geöffneten Fenster, den Sensor, die Regalböden, die Etiketten, jede Schale einzeln.

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