Als die Tür hinter den beiden ins Schloss fiel, ging Sophie zuerst zum Fenster und riss es weit auf. Kühle, frische Luft strömte herein. Der Geruch nach gebratenem Fisch und fremder Anmaßung musste so schnell wie möglich verschwinden.

Einige Monate später hatte Sophies Leben endgültig eine neue Richtung gefunden.

Die Scheidung verlief überraschend zügig. Nachdem Leon begriffen hatte, dass er keinen Anteil an der Wohnung erstreiten konnte, versuchte er, von Sophie die Hälfte der Zahlungen für seinen Kredit zurückzufordern. Er behauptete, das Geld sei für „familiäre Zwecke“ verwendet worden. Doch fehlende Belege und die Aussagen der Handwerker, die Andrea Steins Gartenhaus renoviert hatten, machten rasch deutlich, wofür der Kredit tatsächlich gedient hatte. Leon blieb mit seinen Schulden allein zurück.

Bereits am Tag nach ihrem Auszug ließ Sophie die Schlösser austauschen. Danach stellte sie die Möbel um, kaufte eine neue, noch flauschigere Decke für das Sofa und eine neue Pfannkuchenpfanne, besser als die alte. Ihr Blumengeschäft entwickelte sich prächtig. Ohne den ständigen emotionalen Druck und ohne die finanziellen Launen ihres Mannes tragen zu müssen, mietete sie den Ladenraum nebenan dazu und begann, Floristikkurse anzubieten.

Leon versuchte noch einige Male, Kontakt aufzunehmen. Er schrieb lange Nachrichten darüber, wie sehr er sich geirrt habe, wie sehr er sie vermisse, und beklagte sich, dass das Leben mit seiner Mutter in deren winziger Wohnung unerträglich sei. Andrea Stein nörgle wegen jedes Euros an ihm herum und zwinge ihn, sein komplettes Gehalt für die Rückzahlung des Kredits abzugeben. Sophie las diese Nachrichten nicht einmal zu Ende. Sie verschob sie einfach ins Archiv.

Wenn sie nun nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam, öffnete sie die Tür und atmete mit stillem Genuss den Duft von Eukalyptus und frisch gebrühtem Kaffee ein. In ihrer Wohnung herrschte vollkommene Ruhe. Und niemand wagte es mehr, ihr vorzuschreiben, wo ein Spülbecken stehen oder welche Vorhänge an den Fenstern hängen sollten.

„Verschwinde aus meinem Haus! Sofort!“ Paul Mayer stand mitten im Flur, hochrot im Gesicht, die Augen weit aufgerissen, und zeigte mit ausgestrecktem Finger zur Wohnungstür. „Ich habe genug von dir und deinen ewigen Vorwürfen!“

Anna Krause erwiderte nicht gleich etwas. Sie blieb neben dem Spiegel in der Diele stehen und betrachtete ihr eigenes Gesicht. Es wirkte ruhig, beinahe fremd, als zerfiele in diesem Augenblick nicht ihr eigenes Leben, sondern das einer anderen Frau.

Hinter Paul zeichnete sich die Gestalt seiner Mutter ab: Theresa Otto.