„Emma Baumann wacht nie hungrig auf. Wir haben feste Zeiten“, erwiderte Sophie und trat an den Herd. Ein Blick in den Topf genügte: Der Boden war bereits schwarz angelegt, vermutlich für immer ruiniert. „Außerdem essen wir morgens keinen Buchweizen. Emma verträgt ihn nicht, sie bekommt davon Ausschlag.“
Maria Böhm stieß ein verächtliches Schnauben aus.
„Ach was, alles Einbildung. Auf dem Land essen Kinder, was auf den Tisch kommt, und keiner macht daraus ein Drama. Diese ganzen Allergien habt ihr Stadtmenschen euch doch nur eingeredet.“
Sophie begriff, dass jede weitere Erklärung verschwendete Kraft wäre. Wortlos holte sie einen Joghurt für ihre Tochter aus dem Kühlschrank und begann, Obst kleinzuschneiden. Lukas war längst zur Arbeit gefahren. Auf dem Küchentisch lag nur ein Zettel von ihm: Er werde zum Abendessen zurück sein und unterwegs etwas Leckeres für alle mitbringen.
Der Tag zog sich quälend dahin. Maria Böhm hatte zwar groß angekündigt, sich um ihre Enkelin kümmern zu wollen, doch tatsächlich schenkte sie Emma kaum Beachtung. Dafür schaffte sie es, gleich zweimal in den nahegelegenen Supermarkt zu gehen, und kehrte jedes Mal mit prall gefüllten Tüten zurück.
„Ich habe Eingemachtes besorgt“, verkündete sie, als sie mehrere Gläser auf den Tisch stellte. „Nicht dieses industrielle Gift, von dem ihr euch hier ernährt. Komische Früchte, bunte Becher und lauter anderer Unsinn.“
„Danke, aber wir haben genug Vorräte. Auch eingelegtes Gemüse steht im Schrank“, sagte Sophie und sah dabei zu, wie ihre Schwiegermutter ohne zu fragen die Lebensmittel im Kühlschrank umsortierte.
„Das taugt doch alles nichts“, schnitt Maria ihr das Wort ab. „So etwas kann ich nicht essen. Und mein Sohn erst recht nicht, den kenne ich schließlich besser als du. Überhaupt kochst du viel zu selten richtiges Essen.“
Sophie presste die Zähne aufeinander, zwang sich jedoch zu schweigen. Sie hatte Lukas versprochen, ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen.
Nach dem Mittagessen, als Emma Baumann in ihrem Zimmer eingeschlafen war, setzte sich Maria Böhm plötzlich mit einer Tasse Tee Sophie gegenüber an den Küchentisch. Ihr Gesichtsausdruck war so entschlossen, dass Sophie sofort ahnte, es werde nichts Gutes kommen.
„Wir müssen reden, Sophie Lorenz“, begann Maria in einem Ton, der keine Widerrede duldete. „Ich habe mir nämlich etwas überlegt.“
„Was denn?“ Sophie hob den Blick von ihrem Laptop, auf dem sie gerade berufliche E-Mails beantwortete.
„Ich ziehe zu euch. Dauerhaft.“
Für einen Moment blinzelte Sophie nur. Sie war sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte.
„Wie bitte?“
„Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb ich wieder in dieses Dorf zurückfahren sollte“, erklärte Maria Böhm, als spräche sie über das Wetter. „Dort ist es öde, besonders im Winter. Hier gibt es Geschäfte, Parks, Ärzte, alles direkt vor der Tür. Und ich kann mich um Emma Baumann kümmern, solange du und Lukas arbeitet.“
„Aber… wir haben gar keinen Platz“, brachte Sophie fassungslos hervor. „Diese Wohnung ist für vier Erwachsene beziehungsweise mit Kind viel zu klein.“