Maria Böhm richtete sich kerzengerade auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ach, so ist das also? Dieses Kind steht für dich höher als die Mutter deines Mannes? Genau so habe ich mir eine Schwiegertochter immer vorgestellt. Ich habe Lukas von Anfang an gesagt, dass du nicht in unsere Familie passt.“

„Emma ist nicht ‚dieses Kind‘“, erwiderte Sophie, während ihr das Blut in den Schläfen pochte. „Sie ist Ihre Enkelin, falls Sie das vergessen haben.“

„Enkelin?“ Maria lachte kurz und hässlich auf. „Sieh sie dir doch an. An ihr ist nichts von unserer Familie. Weder von Lukas noch von mir. Da fragt man sich schon, wo du sie herhast.“

Für einen Moment erstarrte Sophie. Sie war sicher, sich verhört zu haben. Es war, als wäre die Luft im Zimmer plötzlich eiskalt geworden.

„Was haben Sie gerade gesagt?“, fragte sie leise.

„Du hast mich genau verstanden.“ Maria hob hochmütig das Kinn. „Ich bin nicht blind. Mein Sohn mag sich ja alles schönreden, aber in unserer Familie sind alle dunkelhaarig. Und deine Emma? Rotblond. Die Augen passen auch nicht. Und dieses Wesen erst, diese Launen, diese Anfälle…“

„Meine Großmutter hatte rote Haare“, presste Sophie hervor. „Und Emmas Temperament ist eine Kopie von Lukas als Kind. Nur erinnern Sie sich daran wahrscheinlich nicht, weil Sie sich viel zu selten wirklich mit Ihrem eigenen Sohn beschäftigt haben.“

Marias Gesicht wurde vor Wut bleich.

„Wie wagst du es!“ Ihre Stimme schnitt durch den Raum. „Ich habe Lukas großgezogen, so gut ich konnte. Aber du… du bist doch nur hinter Geld her gewesen. Du hast meinen Sohn um den Finger gewickelt und ihm ein fremdes Kind untergeschoben. Glaubst du, ich merke nicht, wie du bei der Arbeit deinem Chef schöne Augen machst? Ihr seid doch alle gleich.“

„Sind Sie völlig verrückt geworden? Oder haben Sie zu viele Vorabendserien gesehen?“ Sophie wich einen Schritt zurück. „Meine Vorgesetzte ist eine Frau. Und sie ist sechzig.“

„Lüg mich nicht an!“ Maria wurde lauter. „Ich habe mich über dich erkundigt. Lukas ist viel zu gutmütig, viel zu leichtgläubig. Aber ich weiß genau, wie solche Frauen aus der Stadt ticken.“

In diesem Augenblick fiel im Flur die Wohnungstür ins Schloss, und Lukas’ Stimme erklang:

„Ich bin da! Wo sind meine Liebsten…“

Er brach mitten im Satz ab. Vor ihm standen seine Frau und seine Mutter einander gegenüber, beide rot im Gesicht, beide angespannt wie vor einem Angriff.

„Was ist denn hier los?“ Verunsichert sah Lukas von der einen zur anderen.

„Mein Junge!“ Marias Tonfall änderte sich augenblicklich. Sie eilte auf ihn zu, als hätte sie eben nicht noch Gift verspritzt. „Zum Glück bist du endlich da. Deine Frau… sie ist völlig außer sich. Sie will mich hinauswerfen, sie beschimpft mich!“

„Was?“ Lukas blickte ratlos zu Sophie. „Sophie, wovon redet sie?“

„Deine Mutter behauptet, du hättest ihr erlaubt, für immer bei uns einzuziehen“, sagte Sophie trocken. „Außerdem will sie Emmas Zimmer für sich haben und unsere Tochter ins Wohnzimmer abschieben. Und das, nachdem sie Emma eben…“ Sie stockte, weil sie diese Worte nicht vor Lukas wiederholen wollte.