Ihr Gesicht lief dunkelrot an. Ihre Wangen bebten, die Lippen wurden zu einem dünnen Strich.
„Du hast mich bloßgestellt, du Miststück“, fauchte sie, ohne sich um den Kellner oder die Gäste an den Nachbartischen zu kümmern. „Das wirst du bereuen. Lukas, erklär deiner Frau, wie man in unserer Familie mit Älteren umgeht.“
Lukas sank förmlich in seinen Stuhl. Er sah aus, als würde er gleich anfangen zu weinen.
„Clara, hör auf“, murmelte er. „Du verstehst das falsch. Mama meinte es doch nur gut. Wir sind eine Familie.“
„Familie bedeutet nicht, jemandem eine Rechnung vorzulegen, damit er sich Liebe erkaufen darf“, entgegnete ich scharf. „Ich bezahle das nicht. Keinen einzigen Cent.“
Ich klappte die Mappe zu, schob sie vor Helena und nahm meine Handtasche.
„Ich fahre nach Hause. Ihr könnt hier in Ruhe klären, wer für diese aufgeblasene Feier aufkommt. Mein Vorschlag: Legt zusammen. Auf Wiedersehen.“
Ich ging, ohne mich noch einmal umzudrehen. Hinter mir hörte ich Helenas giftiges Zischen und Lukas’ klägliche Stimme, mit der er sich bei seiner Mutter rechtfertigte. So begann dieser Abend.
Drei Stunden später kam Lukas nach Hause. Seine Augen waren gerötet, in seinem Gesicht lag blanke Panik. Kaum war er in der Wohnung, ging er auf mich los.
„Begreifst du überhaupt, was du getan hast? Meine Mutter ist völlig fertig. Mein Vater hat gesagt, du setzt nie wieder einen Fuß in ihr Haus. Wie konntest du nur? Mila war dabei, Gäste waren da, die Kellner auch. Du hast meine Familie gedemütigt.“
„Deine Familie hat versucht, mich zu demütigen“, antwortete ich ruhig und goss mir Tee ein. „Und deine Mutter hat mich Miststück genannt. Hast du das mitbekommen?“
„Sie war aufgewühlt! Das hättest du verstehen müssen. Du bist erwachsen, du bist unabhängig. Wir wissen alle, dass du Geld hast. Dein Unternehmen läuft doch. Was hätte es dir schon ausgemacht, das Essen zu bezahlen? Du bist egoistisch.“
Ich stellte die Tasse auf den Tisch, vorsichtig, damit nichts überschwappte. In meinen Schläfen pochte es.
„Lukas, mein Unternehmen ist meine Arbeit. Ich habe es allein aufgebaut, während du noch damit beschäftigt warst, dich selbst zu suchen. Auch die Anzahlung für die Wohnung kam von mir, erinnerst du dich? Ja, die Wohnung läuft auf deinen Namen, aber das Geld habe ich gegeben. Ich habe uns jahrelang getragen. Und jetzt verlangst du von mir, auch noch dafür zu bezahlen, dass deine Mutter mich vor allen lächerlich macht?“
Er verzog das Gesicht, als hätte ich ihn persönlich beleidigt.
„Du wirst dich entschuldigen. Verkauf deinen Schmuck oder nimm einen Kredit auf, aber morgen legst du meiner Mutter dieses Geld auf den Tisch. Vielleicht verzeiht sie dir dann. Wenn nicht, lassen wir uns scheiden.“
Ich sah meinen Mann lange an. Bis zu diesem Moment hatte ich geglaubt, er sei einfach nur schwach. Jetzt verstand ich, dass mehr dahintersteckte. Er war nicht bloß ein Muttersöhnchen. Er war berechnend. In seiner Familie hatte man mich schon lange als Geldbörse betrachtet. Und als diese Geldbörse sich weigerte, aufzugehen, wollten sie sie eben ausschütteln.