Sebastian räusperte sich.
„Ich habe meinen Eltern angeboten, vorübergehend bei uns zu wohnen. Nur so lange, bis wir eine Lösung gefunden haben.“
„Vorübergehend“, wiederholte Emilia leise. Ihre Kehle wurde trocken. „Was heißt das genau?“
„Na ja…“ Sebastian zögerte. „Bis wir geklärt haben, wo sie unterkommen können. Vielleicht mieten wir ihnen etwas oder…“
„Oder was?“ Die Unruhe in Emilia wuchs.
Da sah Sebastian sie plötzlich hart an.
„Oder sie ziehen hier ein. Und wenn du das nicht akzeptierst, dann lassen wir uns scheiden. Ich kann meine Eltern nicht auf der Straße stehen lassen. Sie haben ihr ganzes Geld in unsere Wohnung gesteckt, in diese Renovierung. Erinnerst du dich, woher das Geld für die neuen Möbel kam? Für die Geräte? Für die teuren Fliesen, die du unbedingt haben wolltest?“
Emilia spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Ja, Sebastians Eltern hatten ihnen bei der Renovierung geholfen. Dafür war sie dankbar gewesen. Doch nie hätte sie gedacht, dass diese Hilfe eines Tages wie eine Rechnung auf den Tisch gelegt werden würde.
„Sebastian, wir sollten unter vier Augen sprechen“, sagte sie und stand auf.
„Vor meinen Eltern gibt es nichts zu verbergen“, schnitt er ihr das Wort ab. „Sie gehören zu meiner Familie.“
„Zu meiner auch“, erwiderte Emilia leise, während ihr ein Kloß im Hals saß. „Trotzdem. Bitte. Lass uns ins Wohnzimmer gehen.“
Widerwillig folgte Sebastian ihr. Kaum war die Tür hinter ihnen geschlossen, drehte Emilia sich zu ihm um.
„Was soll das?“, fragte sie gedämpft, aber scharf. „Was ist das für ein Ultimatum? Scheidung? Ernsthaft? Wir können deine Eltern doch nicht einfach in unsere Zweizimmerwohnung einquartieren.“
„Und warum nicht?“ Sebastian verschränkte die Arme vor der Brust. „Es sind meine Eltern. Sie stecken in einer Notlage. Erwartest du etwa, dass ich sie im Stich lasse?“
„Nein“, sagte Emilia und zwang sich, ruhig zu bleiben. „Ich will nicht, dass du sie im Stich lässt. Aber es muss andere Wege geben. Wir könnten eine Mietlösung für sie suchen.“
„Vielleicht finden wir ihnen eine kleine Wohnung“, schlug Emilia vor. „Oder wenigstens ein Zimmer irgendwo, wo die Miete nicht so hoch ist. Wir könnten uns gemeinsam umsehen.“
„Wovon denn, Emilia?“ Sebastian verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. „Wir haben gerade erst die Renovierung hinter uns gebracht. Dazu läuft noch der Autokredit. Zwei Mieten können wir unmöglich stemmen.“
„Aber zu viert in zwei Zimmern…“ Emilia schüttelte ungläubig den Kopf. „Sebastian, das ist doch Wahnsinn. Wir sind erwachsene Menschen. Wir haben unseren eigenen Rhythmus, unsere Gewohnheiten, unser Leben.“
„Du kannst meine Eltern einfach nicht ausstehen“, sagte er und wandte sich zum Fenster, als wolle er ihrem Blick ausweichen. „Das war schon immer so.“
„Das stimmt nicht“, widersprach Emilia sofort, obwohl sie tief in sich wusste, dass ein Teil seiner Worte nicht völlig aus der Luft gegriffen war. Das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter war von Anfang an schwierig gewesen. Andrea Friedrich hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Emilia für keine besonders passende Frau an der Seite ihres Sohnes hielt. Zu gewöhnlich, zu direkt, zu wenig häuslich — immer gab es etwas auszusetzen, und die Liste schien kein Ende zu nehmen.