„Na dann, junge Frau, zeigen Sie mir mal diese gemietete Bruchbude. Wofür man heutzutage überhaupt Geld verlangt, ist mir ein Rätsel.“

Mein Augenlid zuckte. Ich merkte es deutlich. Trotzdem schluckte ich die Antwort hinunter. Jonas zuliebe.

In den ersten Tagen tat Claudia noch so, als würde sie nur schauen. Sie saß da, musterte alles, schwieg lange und seufzte bedeutungsvoll. Danach begannen ihre „gut gemeinten Ratschläge“. Meine Lieblingsvase stand ihrer Meinung nach völlig falsch; eines Morgens fand ich sie auf dem Boden wieder, weil das angeblich „viel moderner“ wirke. Mein Essen passte ihr nicht, denn Jonas, ihr armer Junge, habe Tomaten noch nie gemocht, und ich würde sie „in jedes Gericht hineinschmuggeln“. Auch meine Arbeitszeiten wurden kommentiert. Wenn ich später nach Hause kam, zog sie die Augenbrauen hoch und fragte, ob ich meinen Mann absichtlich allein lasse, während ich wahrscheinlich „durch irgendwelche Schönheitssalons streune“.

Nach zwei Wochen platzte die Sache endgültig.

Ich wollte im Wohnzimmer ein wenig umstellen, damit Platz für ein neues Regal mit Stoffmustern frei wurde. Es war Sonntagmorgen, Jonas schlief noch, und ich schob vorsichtig das Sofa zur Seite. Das leise Kratzen reichte aus, um Claudia aus der Küche hervorzulocken. Als sie sah, wie ich mich an dem schweren Möbelstück abmühte, riss sie entsetzt die Arme hoch. Nicht etwa, um mir zu helfen.

„Sofort aufhören!“, zischte sie. „Was fällt dir ein? Wer bist du hier überhaupt? Das ist eine Mietwohnung! Wenn die Eigentümerin kommt und Kratzer im Boden sieht, fliegen wir alle raus! Willst du meinen Sohn auf die Straße setzen?“

Ich richtete mich auf und wischte mir den Schweiß von der Stirn.

„Claudia, es passiert nichts. Ich mache das vorsichtig.“

„Es passiert nichts?“ Ihre Stimme kippte schrill nach oben. „Du hast doch zwei linke Hände! Jonas! Jonas, steh sofort auf! Komm her und sieh dir an, was deine Frau hier anstellt!“

Kurz darauf erschien Jonas verschlafen im Türrahmen. Claudia wandte sich augenblicklich ihm zu.

„Mein Junge, schau sie dir an! Die bringt uns noch um das Dach über dem Kopf. Ich habe dir doch gleich gesagt, wozu brauchst du so eine Habenichts? Nichts Eigenes, kein Zuhause, keine Mitgift. Die Wohnung mietet ihr auch noch von deinem Geld, oder? Und sie spielt hier die Hausherrin!“

Jonas sah erst mich an, dann seine Mutter, sichtlich verlegen.

„Mama, jetzt fang doch nicht wieder an. Elisa wollte doch nur…“

„Schweig!“, fuhr Claudia ihm über den Mund. „Ganz wie dein Vater, viel zu weich! Alle nutzen deine Gutmütigkeit aus!“ Dann stach ihr Finger in meine Richtung. „Sag doch mal, Mädchen, was hast du eigentlich mitgebracht?“

„Etwa leere Wände?“, spuckte sie aus. „Wir unterstützen euch schließlich, wir geben Geld aus, auch deinetwegen! Aber du kaufst teures Geschirr, stellst überall diesen Schnickschnack hin und steckst wahrscheinlich bis zum Hals in Krediten.“

Für einen Moment stand alles still. Ich sah diese rundliche, hochrote Frau im Hausmantel an, die mit ihren Hausschuhen über mein Parkett stapfte, in meinen vier Wänden stand und mich in meinem eigenen Zuhause mit Schmutz bewarf. Dann wandte ich den Blick zu Jonas. Er starrte auf den Boden. Kein Wort. Kein Schritt zu mir. Er ließ es zu.