Sie blickte in die Runde.

„Ihr könnt in Ruhe weiteressen. Denkt nur daran: Die Salate hat die Haushaltshilfe gemacht. Das Fleisch hat die Haushaltshilfe in den Ofen geschoben. Die Torte stammt ebenfalls von der Haushaltshilfe. Und die Wohnung hat vor eurer Ankunft auch sie sechs Stunden lang geputzt.“

Niemand sagte etwas.

Sogar Clara Werner senkte den Blick.

Und Laura Friedrich spürte zum ersten Mal seit vielen Jahren eine seltsame Leichtigkeit.

Als wäre in ihr etwas gerissen.

Endgültig.

Kennengelernt hatten sie sich vor zwölf Jahren.

Damals war Leon Weiß ein völlig anderer Mensch gewesen.

Lebhaft.

Ehrgeizig.

Voller Pläne.

Er holte Laura Friedrich in einem alten Wagen ab und brachte ihr Gänseblümchen mit, die er an einer U-Bahn-Station gekauft hatte.

„Eines Tages werde ich reich sein“, sagte er, wenn er neben ihr in der winzigen Mietwohnung lag. „Und du wirst nie wieder auf irgendetwas verzichten müssen.“

Sie lachte damals und glaubte ihm.

Weil sie ihn liebte.

Dann kamen die Jahre der Arbeit.

Das erste Unternehmen.

Kredite.

Nächte ohne Schlaf.

Laura Friedrich stand in allem hinter ihm.

Als Leon Weiß’ erstes Projekt scheiterte, war sie es, die die goldene Kette ihres Vaters verkaufte, um die Büromiete bezahlen zu können.

Als ihn sein Geschäftspartner verriet, saß sie bis zum Morgen neben ihm und redete ihm ein, nicht aufzugeben.

Als Leon Weiß schließlich mit einem Nervenzusammenbruch in der Klinik landete, verbrachte Laura Friedrich zwei Wochen praktisch vor seiner Zimmertür.

Und dann geschah das, womit niemand gerechnet hatte.

Das Geschäft hob ab.

Das Geld kam plötzlich.

Viel zu plötzlich.

Eine neue Wohnung.

Treffen in teuren Restaurants.

Maßanzüge.

Menschen, die begannen, zu Leon aufzusehen, als stünde er über ihnen.

Und mit jedem Monat veränderte er sich mehr.

Anfangs kaum merklich.

Dann immer deutlicher.

„Du könntest dich wirklich ein bisschen besser um dich kümmern“, sagte er irgendwann.

„Warum ist es hier nie vollkommen ordentlich?“

„Die Frauen meiner Geschäftspartner treten anders auf.“

„Und überhaupt: Du kannst froh sein, mich zu haben.“

Diesen letzten Satz sagte er immer häufiger.

Als müsste er ihn nicht nur Laura einprägen, sondern auch sich selbst.

Und sie schwieg.

Weil sie ihn liebte.

Und weil sie sich viel zu lange eingeredet hatte, das alles sei nur Erschöpfung. Druck. Arbeit. Eine schwierige Phase.

Doch an diesem Abend war etwas endgültig zerbrochen.

Nicht einmal die Worte allein.

Es war das Lachen am Tisch.

Sie hatten gelacht, während man sie erniedrigte.

Und Leon hatte mitgelacht.

„Du gehst nirgendwohin“, sagte Leon kalt, als die Gäste sich verlegen zu verabschieden begannen.

Laura stapelte ruhig die Teller zusammen.

„Warum nicht?“

„Weil ich es gesagt habe.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit sah sie ihn an, ohne zurückzuweichen.

„Und ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit begriffen, dass es mir gleichgültig ist, was du gesagt hast.“

Er packte sie grob am Handgelenk.

„Willst du hier jetzt eine Szene machen?“

„Nein“, erwiderte sie leise. „Die Szene fand am Tisch statt. Jetzt kommt nur noch der Schluss.“