Es war nicht mein Haushalt. Nach der Hochzeit war ich zu Lukas und Elisabeth Winter gezogen, weil es für ihn bequemer gewesen war: fünfzehn Minuten bis zur Arbeit, seine Mutter direkt nebenan, die Nebenkosten längst eingespielt. Meine Einzimmerwohnung am anderen Ende der Stadt stand seit dem Auszug der letzten Mieter leer. Lukas meinte, ich sei töricht, sie nicht zu vermieten. Seine Mutter nannte es weibliche Launenhaftigkeit. Ich widersprach nicht. Aber die Schlüssel zu meiner eigenen Wohnung bewahrte ich immer getrennt auf.
Am Anfang hatte ich ernsthaft versucht, mich einzufügen. Ich kaufte ein, kochte für alle und merkte mir die Eigenheiten dieser Familie. Elisabeth Winter mochte montags keinen Buchweizen, Lukas bestand morgens auf frischen Beeren, und Lena fand es völlig selbstverständlich, eine Dose mit Frikadellen mit nach Hause zu nehmen, ohne auch nur zu fragen, wer das Fleisch bezahlt hatte. Ich war erschöpft, redete mir aber ein, in einer großen Familie sei das wohl normal. Irgendwann öffnete ich meine Banking-App und begann, die Belege zu speichern.
Allein im Mai kamen für Lebensmittel und Lieferungen 486 Euro zusammen. Lukas überwies mir in diesem Monat 90 Euro mit dem Verwendungszweck „Für den Haushalt“. Elisabeth Winter zahlte gar nichts, denn nach ihrer Logik hatte sie ja „die Wohnung gegeben“. Lena beteiligte sich ebenfalls nicht, fragte aber regelmäßig nach, ob es bei ihrem Besuch Obst und Aufschnitt geben würde.
„In normalen Familien trennt man Lebensmittel nicht auf“, sagte meine Schwiegermutter jedes Mal, wenn ich versuchte, über die Ausgaben zu sprechen.
Wie sich herausstellte, wurden Teller allerdings sehr wohl getrennt. Meiner stand leer vor mir, direkt neben dem Fisch, den ich noch am selben Morgen bezahlt hatte.
„Elisabeth Winter, verstehe ich Sie richtig? Die Küche gehört Ihnen, Lukas gehört Ihnen, und ich soll mich einfach gedulden?“, fragte ich.
„Ganz genau“, schnitt sie mir das Wort ab. „Endlich ist es bei dir angekommen.“
Lena verbarg ihr Grinsen hinter der Serviette. Lukas legte die Gabel hin und murmelte:
„Mama, so doch nicht…“
„Wie denn sonst?“ Elisabeth Winter wandte sich scharf zu ihm. „Sie redet in letzter Zeit viel zu viel. Eine Frau sollte nachgiebiger sein.“
Ich nahm mein Handy und öffnete die Liefer-App. Dort war ein Familienprofil gespeichert, mitsamt Elisabeth Winters Lieblingsartikeln und meiner Gehaltskarte als Zahlungsmittel. Im Warenkorb lag bereits die Bestellung für Sonntag: Rindfleisch, Käse, Beeren, eine Packung Spülmittel, zwei Sorten Getreide, Fisch, Nüsse, Obst, ein Sixpack Wasser und genau diese Servietten. Der Gesamtbetrag lag bei 174 Euro.
Ich tippte auf „Bestellung stornieren“, entfernte die wöchentliche Lieferung der Milchprodukte, schaltete die automatische Gemüsebestellung aus und löschte meine Karte aus dem Familienprofil. Lukas bemerkte es als Erster, weil auf seinem Handy eine Benachrichtigung erschien.
„Was machst du da?“
fragte er, diesmal deutlich lauter.
„Ich bringe unsere Finanzen in Ordnung.“