Elisabeth Winter kniff die Augen zusammen.
„Was soll das denn für eine Ordnung sein?“
Ich legte mein Handy mit dem Display nach oben auf den Tisch. In der App stand dort, wo sonst meine Karte gespeichert gewesen war, nur noch eine leere Zeile: „Zahlungsmethode hinzufügen“.
„Ab jetzt bezahle ich keine Lebensmittel mehr für eine Wohnung, in der man mich vor einen leeren Teller setzt.“
Lena Köhler hörte auf zu lächeln.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Wegen ein bisschen Salat?“
„Nicht wegen des Salats“, erwiderte ich. „Wegen vier Jahren. Der Salat hat es nur sichtbar gemacht.“
Lukas Roth schob seinen Stuhl zurück.
„Hannah, fang hier nicht vor allen Leuten mit so einem Theater an.“
„Ich mache kein Theater. Ich höre nur auf, für Entscheidungen zu zahlen, die andere treffen.“
Elisabeth lachte kurz und trocken auf.
„Und wem willst du damit schaden? Wir kaufen das eben selbst.“
„Dann ist ja alles geklärt“, sagte ich und stand auf. Den leeren Teller ließ ich genau dort stehen, wo man ihn vor mich hingestellt hatte.
Kaum war ich aus dem Esszimmer, erhoben sich hinter mir die Stimmen. Lena empörte sich darüber, dass ich mich „auf so ein Geldniveau herablasse“. Elisabeth forderte Lukas auf, seine Frau endlich „zur Vernunft zu bringen“. Lukas versuchte gleichzeitig, seine Mutter zu beruhigen und es sich mit mir nicht völlig zu verderben. Ich ging in das kleine Zimmer, in dem mein Laptop stand und zwei Kartons mit Unterlagen lagerten. Zimmer war dafür eigentlich ein großzügiges Wort: Es war Elisabeths früheres Arbeitszimmer, in dem man mir einen Schreibtisch neben dem Schrank mit ihren Wintermänteln zugestanden hatte.
Auf dem Desktop meines Laptops lag ein Ordner mit dem Namen „Haushalt_Ausgaben“. Früher hatte Lukas darüber gelacht und gemeint, bei mir sehe alles aus wie in der Buchhaltung. An diesem Abend war genau dieser Ordner plötzlich nützlich. Ich lud die Kontoübersicht der letzten sechs Monate herunter: Lebensmittel, Lieferdienste, Reinigungsmittel, Geschirr, fertige Speisen für Lenas Besuche, Geschenksets für die Freundinnen seiner Mutter, die Elisabeth mich immer in die Bestellung aufnehmen ließ und anschließend so überreichte, als kämen sie von ihr.
Am Ende stand dort eine Summe von 2.869 Euro. Ich schickte Lukas die Datei und schrieb dazu: „Ab heute werden Lebensmittel, Haushaltsmittel und Bestellungen für Gäste von der Person bezahlt, die sie aussucht. Meine Karte ist entfernt. Alle automatischen Lieferungen sind storniert. Mein Anteil an den Lebensmitteln für Juni beträgt 80 Euro. Den Rest bitte selbst übernehmen.“
Eine Minute später kam seine Antwort: „Du rechnest jetzt ernsthaft Essen ab?“
Ich sah durch die offene Tür auf den Rand des leeren Tellers und tippte zurück: „Ich rechne Ausgaben ab. Das Essen habt ihr bereits ohne mich verteilt.“
Darauf antwortete Lukas nicht mehr. An diesem Abend kam niemand zu mir. Elisabeth räumte das Geschirr so laut weg, dass jedes Klirren wie ein Vorwurf klang. Lena verabschiedete sich im Flur ungewöhnlich lange und erklärte dabei, manche Frauen würden eine Familie mit ihrer Kleinlichkeit zerstören. Zum ersten Mal seit vielen Monaten öffnete ich nicht die Einkaufsliste für Montag. Ich kontrollierte nicht, ob Eier, Milch, Getreide, das Katzenfutter von Elisabeths Katze, Spülmaschinentabs, Schwämme, Beeren, Käse und Fisch im Haus waren. All das war nicht länger automatisch meine Aufgabe.