Der Sonntagmorgen begann mit Elisabeths Stimme hinter meiner Tür.
„Lukas, wir haben keinen Quark mehr. Milch ist auch keine da. Und Brot ist alle. Hannah hat das sonst immer bestellt.“
Sie wartete einen Moment, dann klopfte sie bei mir.
„Hannah, wo ist die Lieferung?“
Ich öffnete. Meine Schwiegermutter stand im Morgenmantel vor mir und hielt einen leeren Plastikbehälter in der Hand, als wäre er ein Beweisstück gegen mich.
„Die Bestellung ist storniert“, sagte ich.
„Ich habe schon verstanden, dass du gestern beleidigt warst. Aber was können denn die Lebensmittel dafür?“
„Sie wurden mit meiner Karte bezahlt.“
„Eine Karte ist nur Plastik. Familie ist wichtiger.“
„Dann dürfte es für die Familie ja kein Problem sein, eine andere Zahlungsmethode einzutragen.“
Elisabeth presste den Behälter an sich.
„Du benimmst dich wirklich hässlich.“
„Dafür ehrlich.“
Kurz darauf erschien Lukas hinter ihr, zerzaust, in einem ausgeleierten T-Shirt. Morgendliche Gespräche mochte er ohnehin nicht, vor allem nicht, wenn sie eine konkrete Handlung von ihm verlangten.
„Hannah, bestell doch jetzt einfach. Ich überweise dir das später.“
„Nein, Lukas. Du kannst selbst bestellen.“
„Meine App ist gar nicht eingerichtet.“
„Dann richtest du sie ein. Das dauert ein paar Minuten.“
Er wandte sich an seine Mutter.
„Mama, gib mir deine Karte.“
Elisabeth wich sofort einen Schritt zurück.
„Meine Rente kommt erst nächste Woche. Außerdem bin ich nicht daran gewöhnt, so etwas übers Handy zu bezahlen.“
Lukas nahm also sein eigenes Telefon und begann, den Warenkorb zu füllen. Zum ersten Mal sah ich, wie er nicht mehr in großen Worten wie „Zuhause“ und „Familie“ dachte, sondern in einzelnen Posten: Brot, Milch, Fleisch, Gemüse, Katzenfutter, Putzmittel, seine Mittagessen fürs Büro, ein Abendessen für Lena, die angekündigt hatte, am Abend wieder vorbeizukommen. Elisabeth stand neben ihm und gab Anweisungen: diesen Käse nicht, den Fisch hinzufügen, vernünftiges Obst auswählen, sich vor der Schwester nicht blamieren.
Nach zwanzig Minuten hörte ich aus der Küche:
„Siebzehntausend? Für ganz normales Essen?“
Ich klappte meinen Laptop zu und ging nicht hin, um zu erklären, dass normales Essen genau so viel kostete, wenn man sämtliche Gewohnheiten von Elisabeth Winter mitbestellte. Bis zum Mittag lief Lukas mit dem Handy durch die Wohnung und wurde von Minute zu Minute gereizter. Mal wurde seine Karte abgelehnt, mal war die Lieferung teurer, als er erwartet hatte, mal fehlte in dem Laden ausgerechnet der Rabatt, den ich sonst immer genutzt hatte.
auf einmal genau der Rabattcode nicht verfügbar war, den ich sonst jedes Mal gefunden hatte. Elisabeth Winter rief mich mehrmals aus der Küche, ich solle doch „nur kurz drüberschauen“. Jedes Mal antwortete ich ruhig, dass sie das jetzt bestimmt allein hinbekämen.
Gegen drei klingelte der Lieferdienst. Lukas hatte sich für einen billigeren Supermarkt entschieden. Die Tüten rissen fast schon beim Hinstellen, die Tomaten waren überreif, der Käse war eine andere Sorte, der Fisch kam tiefgefroren, und Obst lag nur halb so viel darin wie sonst. Elisabeth Winter packte alles aus, betrachtete die Einkäufe und stellte sofort fest: