In meiner Wohnung war alles schlicht: zugezogene Vorhänge, ein sauberer Boden, eine leere Arbeitsplatte, zwei Töpfe, eine Pfanne, ein Satz Teller und eine Packung Nudeln. Schon im Frühjahr hatte ich ein paar Kartons dorthin gebracht, weil ich gespürt hatte, dass eine Ausweichadresse irgendwann nützlich werden könnte. Ich schaltete das Licht ein, stellte den Laptop auf den Tisch, öffnete die Banking-App und kontrollierte, ob das gemeinsame Lieferprofil endgültig gelöscht war.
Danach richtete ich ein separates Konto für meine privaten Ausgaben ein, setzte Bestelllimits und speicherte die Kontoauszüge der letzten sechs Monate sowohl in der Cloud als auch auf einem USB-Stick. Lukas schrieb ich: „Ich wohne ab jetzt an meiner eigenen Adresse. Gemeinsame Ausgaben bespreche ich gern vorher und nur zu gleichen Teilen. Lebensmittel für deine Mutter, deine Schwester, die Nachbarin und Gäste bezahle ich nicht mehr. Meine persönlichen Sachen hole ich am Samstag mit einer Liste ab.“
Seine Antwort kam nicht sofort. Zuerst schrieb er, seine Mutter sei sehr gekränkt. Eine halbe Stunde später fügte er hinzu, Lena finde mein Verhalten demütigend für die ganze Familie. Ich antwortete nur: „Der leere Teller war zuerst da.“ Dann legte ich das Handy weg und begann, meine Sachen einzuräumen.
Am Montag rief Lukas sechsmal an. Ich nahm erst am Abend ab, nachdem meine letzte berufliche Besprechung vorbei war. Er eröffnete das Gespräch damit, dass Elisabeth Winter die Sachen nicht essen wolle, die er gekauft habe. Danach erklärte er, sie komme mit Apps und Lieferdiensten nicht zurecht. Ich erinnerte ihn daran, dass normale Supermärkte auch ohne App funktionieren und erwachsene Menschen durchaus in der Lage sind, sich selbst etwas zu essen zu kaufen.
„Du bist irgendwie hart geworden“, sagte er.
„Nein“, antwortete ich. „Ich bin nur endlich eindeutig.“
Er schwieg eine Weile und kündigte dann an, mir einen Teil der Ausgaben für Mai und Juni zu überweisen. Über die Höhe wollte ich am Telefon nicht diskutieren. Ich bat ihn lediglich, jede Überweisung so zu beschriften, dass der Zweck klar erkennbar blieb.
Lukas atmete hörbar aus und sagte, seine Mutter verspreche, solche Bemerkungen künftig zu unterlassen. Ich fragte ihn, ob sie denn auch verstanden habe, weshalb man mir an einem Tisch, den ich bezahlt hatte, keinen leeren Teller hinstellen durfte. Darauf wusste er nichts mehr zu sagen.
Am dritten Tag gingen 240 € bei mir ein, als Verwendungszweck stand dort: „Anteil Lebensmittelausgaben“. Den Beleg speicherte ich sofort ab. Kurz danach kam eine Nachricht von Elisabeth Winter: „Hannah, lass uns doch nicht wegen häuslicher Missverständnisse die Familie kaputtmachen. Ich war aufgebracht. Komm zurück, dann besprechen wir den Speiseplan.“
Meine Antwort fiel knapp aus: „Familie beginnt nicht beim Speiseplan. Ein Gespräch gibt es nur in Lukas’ Anwesenheit und nur über Wohnregeln und Kosten.“ Danach blieb es mehrere Tage still.
Am Samstag fuhr ich mit meiner Cousine Paula Bauer hin, um meine Sachen zu holen. Paula mischte sich nicht ein, hielt keine Vorträge und stellte keine Fragen. Sie hatte lediglich eine Liste auf dem Handy geöffnet, damit später niemand behaupten konnte, ich nähme Dinge mit, die ich gar nicht gekauft hatte. Elisabeth Winter öffnete die Tür und sah zuerst auf die Taschen in meinen Händen.