
„Gebt mir gleich den ganzen Betrag für die Renovierung“ forderte Hannah Weiß mit prüfendem Blick und trat wie eine Inspektorin in die Wohnung ein
Diese skrupellose Forderung zerreißt mein verzweifeltes Gewissen.
— Clara Peters, mach auf. Ich komme nicht zum Tee, sondern wegen einer wichtigen Sache.
Noch bevor ich den Schlüssel ganz herumgedreht hatte, wusste ich: Dieser Tag würde nicht friedlich verlaufen.
Im Treppenhaus hing der Geruch von Staub, Mandarinen und irgendeiner Suppe mit Lorbeerblatt. Hannah Weiß stand vor meiner Wohnungstür mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte nicht ich zweiundzwanzig Jahre hier gewohnt, sondern sie sei nur kurz hinausgegangen und nun zurückgekehrt, um ihre Wohnung wieder in Besitz zu nehmen.
In der einen Hand hielt sie eine Tüte, in der anderen ihre Handschuhe. Der Mund war schmal zusammengepresst, der Blick prüfend und geschäftig.
Nicht einmal richtig wütend sah sie aus. Eher so, dass sich bei diesem Blick Schranktüren, Vitrinen und, wenn man nicht aufpasste, auch Geldbörsen von selbst öffneten.

— Ich habe gehört, bei euch ist Geld eingetroffen. Also reden wir nicht lange drum herum. Gebt mir gleich den ganzen Betrag für die Renovierung.
Ohne ein Wort zu sagen, zog ich die Tür weiter auf.
— Guten Morgen, Hannah Weiß.
Sie trat ein wie jemand, der nicht um etwas bitten wollte, sondern eine Inspektion durchführte.
— Der Morgen wird gut, wenn ihr nicht anfangt, so zu tun, als würdet ihr nicht verstehen, worum es geht.
Aus dem Zimmer steckte Lukas Albrecht den Kopf heraus. Er trug ein Unterhemd und machte ein Gesicht, als hätte er bereits jedes Wort gehört, klammerte sich aber noch an die Hoffnung, das Gespräch gehöre eigentlich in die Nachbarwohnung.
— Mama, gleich so früh?
— Wann soll ich denn sonst kommen? Bis zum Abend versteckt ihr nicht nur das Geld, sondern auch euer Gewissen. Ich verlange das übrigens nicht für mich. Bei mir bröckeln die Wände.
— Bei Ihnen? — fragte ich.
— Bei wem denn sonst? Beim Papst?
Genau dafür kannte ich Hannah Weiß. Wenn sie fremdes Geld brauchte, stellte sie die Sache so dar, als ginge es nicht um sie, sondern um die Rettung eines nationalen Kulturerbes.
Der Wasserkocher hatte in der Küche noch nicht einmal angefangen zu rauschen, da saß sie bereits am Tisch. Das Kopftuch hatte sie abgelegt und ordentlich neben die Zuckerdose gefaltet. Das war ihre besondere Art: Wer sich gründlich niederließ, sorgte auch dafür, dass ein Gespräch gründlich geführt wurde.
Auf der Fensterbank stand ein Glas voller Knöpfe. Draußen kratzte ein dünner Märzmatschschnee gegen die Scheiben, und vom Herd stieg noch der Geruch der gebratenen Kartoffeln von gestern auf.
Ein ganz gewöhnlicher Tag also. Nur mit einem Beigeschmack von Geld.
Ich stellte den Wasserkocher an.
— Von wem haben Sie das gehört?
— Ach, Clara Peters, bitte. Ihr lebt doch nicht hinter dem Mond. Auf Lukas Albrechts Karte ist Geld eingegangen, also habe ich es erfahren.
Lukas Albrecht räusperte sich unbehaglich.
— Es ist nicht eingegangen. Es wurde überwiesen.
— Fang mir nicht mit solchen Wortklaubereien an. Geld bleibt Geld. Und ich brauche jetzt eine Renovierung. Dringend.
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