Der Wasserkocher begann zu brummen.

Ich wandte mich zu meinem Mann um.

— Lukas Albrecht, hast du deiner Mutter davon erzählt?

Er sah zum Fenster hinaus, als würde dort in genau diesem Augenblick die richtige Antwort eingeblendet.

— Na ja… ich habe gesagt, dass ich eine Prämie bekommen habe.

— Eine Prämie? — Hannah Weiß wurde sofort lebhafter. — Das nennst du aber bescheiden. So eine Summe fällt einem heutzutage nicht jeden Tag in den Schoß.

An dieser Stelle wurde ich wirklich aufmerksam.

Die genaue Summe hatten wir niemandem genannt. Nicht unserer Tochter, nicht der Nachbarin aus dem achten Stock, die Neuigkeiten schneller kannte als der Briefträger, und nicht einmal der Cousine von Lukas Albrecht, die sich leidenschaftlich gern in familiäre Finanzfragen einmischte.

Wir wollten die Fenster austauschen lassen und die Elektrik erneuern. Mehr nicht. Wir wollten einfach ohne dieses Theater leben, bei dem man den Wasserkocher einschaltet und im Flur der Kronleuchter zwinkert wie eine Frau beim Tanzabend im Jahr 1987.

Ich stellte meiner Schwiegermutter eine Tasse hin.

— Und wie hoch soll diese Summe Ihrer Meinung nach sein?

Sie griff sehr sicher nach dem Tee.

— Jetzt stell dich nicht so an. Mia Krause hat mir gesagt, dass es ordentlich ist.

Lukas Albrecht zog die Stirn kraus.

— Welche Mia Krause?

— Na, die ganz normale. Aus dem Büro.

Sie sagte es und senkte sofort den Blick in ihre Tasse, als hätte sie nur eine Nebensächlichkeit erwähnt. Doch ich hatte längst gelernt: Wenn jemand so tut, als sei etwas völlig belanglos, steckt genau dort der wichtigste Punkt.

— Aus welchem Büro? — fragte ich.

— Aus der Firma für Renovierungen natürlich. Da, wo sie Kostenvoranschläge machen. Ich habe mich bereits erkundigt. Die haben alles durchgerechnet. Wenn man es vernünftig angeht, muss man gleich alles zusammen in Angriff nehmen: Bad, Küche, Flur. Sonst fangt ihr wieder an, jeden Euro dreimal umzudrehen, und am Ende heißt es, es sei zu teuer.

— Ihr habt das also schon kalkulieren lassen? — Ich setzte mich ihr gegenüber.

— Selbstverständlich. Oder glaubt ihr, ich tauche hier einfach aus Langeweile auf? Ich bin ein ernsthafter Mensch.

Das stimmte sogar. Nur lief bei Hannah Weiß die Ernsthaftigkeit gewöhnlich ein gutes Stück vor den Tatsachen her.

Lukas Albrecht drehte sich halb zum Tisch.

— Mama, auf wen ist dieser Kostenvoranschlag ausgestellt?

Der Löffel berührte mit einem leisen Klirren die Untertasse.

— Was spielt das denn für eine Rolle?

— Eine ziemlich große, — sagte ich. — Mit Papier glaube ich grundsätzlich jedem.

— Ach so ist das. Mir glaubt man also ohne Zettel schon gar nicht mehr?

— Doch. Aber nicht bei der ganzen Summe.

Lukas nickte sofort, fast erleichtert, weil das Gespräch endlich in die Welt der Belege, Beträge und Gegenstände abgebogen war und nicht mehr durch das Moor familiärer Gefühle watete.

— Genau, Mama. Zeig uns einfach den Kostenvoranschlag, dann ist die Sache klar.

Sie presste die Lippen zusammen.

— Dann fahren wir eben hin. Von mir aus sofort. Aber hinterher sagt bloß nicht, ich hätte euch nicht angeboten, dabei zu sein.