Während wir uns fertig machten, schaffte sie es noch, zweimal vor unseren alten Fenstern zu seufzen, einmal die Deckenlampe so vorwurfsvoll anzusehen, als trüge sie persönlich die Schuld an unserer familiären Knausrigkeit, und anzumerken, dass auch diese Wohnung eine Renovierung durchaus vertragen könnte.

Das hatte beinahe etwas Rührendes. Wie jemand, der gekommen ist, um einem den Kuchen wegzunehmen, und sich nebenbei noch Sorgen um den Zustand des Backofens macht.

Im Bus nahm sie den Fensterplatz ein und hielt eine Tüte Mandarinen auf den Knien. Bei jeder Kurve raschelte das Plastik, als wolle auch diese Tüte ihre Meinung zu unserer Lage äußern.

Lukas schwieg. Ich ebenfalls.

Nur der Fahrer nieste an jeder Haltestelle gereizt vor sich hin, und hinter uns knabberte irgendeine Schülerin so laut an Salzstangen, als hätte sie den Auftrag übernommen, unsere Fahrt musikalisch zu untermalen.

Das Büro befand sich im Erdgeschoss eines älteren Hauses. Im Flur roch es nach frischer Farbe, abgestandenem Papier und nach jenem amtlichen Staub, der meiner Ansicht nach zusammen mit Stempel, Aktenordnern und Türschild an solche Einrichtungen ausgegeben wird.

An der Wand hingen Musterfliesen. Glatt, glänzend, fröhlich, mit einer Miene, als könne ein einziger Quadratmeter Keramik gleichzeitig eine Ehe retten, den Blutdruck senken und sämtliche Verwandtschaftsprobleme lösen.

Mia Krause entpuppte sich als kleine Frau mit Brille, einer Mappe unter dem Arm und einem derart geschäftsmäßigen Gesichtsausdruck, dass sogar Hannah Weiß ihre Lautstärke ein wenig herunterregelte.

— Frau Weiß, guten Tag. Sie sind also schon mit der Familie da?

— Mit der Familie, — bestätigte meine Schwiegermutter. — Bei uns zu Hause herrscht nämlich, wie Sie sehen, Revision.

Mia lächelte höflich.

— Das ist auch richtig so. Heutzutage sollte man lieber alles gleich genau klären.

— Wunderbar, — sagte ich. — Dann zeigen Sie uns bitte den Kostenvoranschlag.

— Natürlich.

Sie schlug die Mappe auf, legte die Unterlagen auf den Tisch, und mir kam es vor, als würde der Geruch nach Farbe plötzlich noch schärfer werden.

Denn auf dem Kostenvoranschlag stand nicht Hannah Weiß’ Adresse.

Zuerst dachte ich, ich hätte mich verlesen. Das passiert. Wenn man fest damit rechnet, etwas Bestimmtes zu sehen, und dann etwas ganz anderes vor sich hat, schauen die Augen für einen Moment wie die eines Menschen ohne Brille in der Apotheke.

Aber nein.

Eine andere Straße. Ein anderes Haus. Eine andere Wohnung.

Lukas beugte sich über das Blatt.

— Mama… was ist das?

Ihre Wange zuckte. Nur ganz kurz. Aber ich bemerkte es.

— Das ist… nur als Beispiel gedacht.

Mia Krause hob den Blick.

— Wieso als Beispiel? Das ist doch die Wohnung von Julia Neumann. Für sie haben wir Küche und Flur berechnet. Und der Balkon sollte eventuell auch noch verglast werden, falls es ins Budget passt.

— Welche Julia Neumann? — fragte ich, obwohl ich es in diesem Augenblick bereits verstanden hatte.

Mia rückte ihre Brille zurecht.

— Die Tochter von Frau Weiß. Sie hatte es selbst so gesagt.