…sie habe gesagt, das Geld sei dem Sohn bereits überwiesen worden, jetzt müsse man nur rasch entscheiden, solange die Handwerker noch freie Termine hätten.
Im Flur schob jemand eine Trittleiter zur Seite. Das Metall kratzte so schrill über den Boden, dass die Stille danach beinahe wie eine bewusst gesetzte Theaterpause wirkte.
Lukas Albrecht richtete sich langsam auf.
— Mama, du hast gesagt, bei dir bröckeln die Wände.
— Und bei Julia ist deiner Meinung nach alles aus Marmor? — Hannah Weiß ging sofort zum Gegenangriff über. — Sie hat Kinder. Ihr Mann schwebt irgendwo in seinen eigenen Wolken. Wer soll ihr denn helfen? Die Nachbarn?
Mia Krause legte verlegen ein Blatt von der einen Seite der Mappe auf die andere.
— Wir waren davon ausgegangen, dass alle Bescheid wissen. Sie klangen so sicher, als Sie sagten, Ihr Sohn bringe das Geld, und dann könnten wir sofort loslegen.
Nach diesem Satz blieb nicht einmal mehr ein dünner Vorhang übrig.
Vor uns lag ein Kostenvoranschlag. Für eine fremde Wohnung. Eine fremde Küche. Einen fremden Flur.
Und für unser Geld, das Hannah Weiß in Gedanken längst in Fliesen, Tapeten und einen verglasten Balkon für ihre Tochter verwandelt hatte.
An Großzügigkeit mangelte es ihr nicht. Sehr familiär, sehr schwungvoll. Nur hatte sie dafür nicht die eigene Geldbörse vorgesehen.
— Na und? — sagte sie. — Julia braucht es eben auch. Ich verlange doch keinen Pelzmantel für mich.
— Du bist also gekommen, um unser ganzes Geld für Julias Renovierung zu holen? — fragte Lukas langsam.
— Nicht alles. So viel, wie reicht.
— Doch, — sagte ich. — Sie haben gesagt: die gesamte Summe.
Sie drehte den Kopf zu mir.
— Weil man es von euch anders nicht bekommt. Ihr hättet wieder monatelang überlegt und verschoben. Dort muss aber jetzt etwas gemacht werden.
— Und wir dürfen über unsere eigenen Fenster nicht nachdenken? — fragte Lukas.
— Eure Fenster laufen euch nicht weg.
— Aber unser Geld soll offenbar zu Julia laufen, ja? — sagte er leise.
Mia tat so, als müsse sie dringend den Firmenstempel suchen. Eine kluge Frau. Wenn in einem Raum die Familienwahrheit den Mantel ablegt, stellt man sich besser nicht mitten in den Weg.
Hannah Weiß straffte den Rücken.
— Ich bin die Mutter. Ich wollte nur das Beste.
— Für wen? — fragte ich.
Sie öffnete den Mund. Ich konnte förmlich sehen, wie sich in ihr bereits eine lange Rede formte: über Kinder, Pflicht, gegenseitige Hilfe und diese kalten, herzlosen Zeiten.
Doch statt einer schönen Ansprache kam die Wahrheit heraus.
— Für Julia natürlich. Sie braucht es dringender.
Damit hatte sie alles selbst ausgesprochen.
Kein Geschrei. Kein großer Auftritt. Keine vorgezeigte Kränkung.
Nur ein ganz gewöhnlicher Satz, nach dem man nichts mehr erklären, entwirren oder schönreden musste.
Sogar die Musterfliesen an der Wand wirkten auf einmal matter. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.
Lukas fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
— Verstanden.
Hannah Weiß schien plötzlich kleiner zu werden. Nicht mitleiderregend, nein, das passte nicht zu ihr.
Aber diese breite, sichere Gangart, mit der sie am Morgen bei uns aufgetaucht war, verschwand aus ihr. Wenn jemand allzu selbstverständlich auf einem fremden Weg marschiert und dann unerwartet ein Verbotsschild entdeckt, sieht das Ergebnis immer ähnlich aus.