Ich schob die Unterlagen zu Mia Krause zurück.
— Danke. Für uns brauchen Sie nichts weiter auszurechnen.
— In Ordnung, — sagte Mia leise. — Falls Sie doch noch etwas benötigen, melden Sie sich einfach.
Draußen war es feucht. Der Bus war noch nicht da.
Hannah Weiß stand mit ihrer Tüte Mandarinen an der Haltestelle. Bei jeder ungeduldigen Bewegung schlug die Tüte gegen ihr Knie.
— So ist das also, — sagte sie.
Lukas sah an diesem Tag zum ersten Mal nicht weg.
— Genau so ist es. Unser Geld geben wir nicht her.
— Für deine Schwester ist es dir also zu schade?
— Darum geht es nicht. Du hast nicht gefragt. Du hast beschlossen.
Sie zog ihr Tuch zurecht.
— Und was jetzt? Soll ich auf die Knie fallen und betteln?
— Nein, — sagte er. — Du sollst einfach normal mit uns reden.
Ich fügte nichts hinzu. Manchmal sollte man einen Mann, der endlich selbst ausspricht, was längst hätte gesagt werden müssen, nicht einmal mit Mitgefühl unterbrechen.
Zu Hause war es in der Küche still und warm. Ich stellte den Wasserkocher an.
Er begann ruhig zu summen, ganz ohne jede Theatralik.
ohne großes Aufhebens, und selbst die Deckenlampe im Flur flackerte diesmal nicht. Offenbar hatte auch sie beschlossen, sich aus unseren Familienangelegenheiten herauszuhalten.
Lukas Albrecht nahm die Becher eigenhändig aus dem Schrank. In unserem Haushalt war das keine Kleinigkeit. Das kam beinahe einem offiziellen Staatsakt gleich.
— Verzeih mir, — sagte er leise. — Ich dachte wirklich, sie brauche das Geld für sich.
— Anfangs habe ich das auch geglaubt.
— Ich hätte gleich nachfragen müssen.
— Wir haben gefragt.
Er verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln.
— Stimmt. Aber bei Mia Krause klang es irgendwie überzeugender.
Ich holte die Mandarinen aus der Tüte. Eine war schon weich, zwei waren in Ordnung, und ganz unten lag ein Kassenbon aus der Apotheke. Hannah Weiß musste ihn in der Eile zusammen mit dem Obst hineingesteckt haben.
Und plötzlich sah ich diesen Morgen ganz deutlich vor mir: wie sie sich fertig gemacht hatte, wie sie ihre Sätze zurechtlegte, wie sie im Kopf für ihre Tochter schon die Fliesen aussuchte, als sei längst alles entschieden.
Manchmal richtet sich ein Mensch im Morgen eines anderen ein, ohne je um Erlaubnis gebeten zu haben.
Lukas trat ans Fenster.
— Fahren wir morgen die Fenster anschauen?
— Ja, wir fahren.
— Und wegen der Elektrik kümmern wir uns auch.
— Auch darum.
Er schwieg einen Augenblick.
— Mit meiner Mutter rede ich selbst.
Ich nickte nur.
Eine Woche später stand ein Handwerker bei uns in der Wohnung, ein lustiger Mann mit Schnurrbart namens Thomas Winter. Noch im Flur erklärte er, unsere Leitungen hielten offenbar nur noch aus nostalgischen Gründen zusammen.
Nicht einmal beleidigt war ich. Denn im Grunde hatte er recht.
Dann wurden die neuen Fenster geliefert. In der Wohnung roch es nach Montageschaum, Staub und nach einer Veränderung, die endlich begonnen hatte.
Hannah Weiß ließ sich nicht blicken. Einmal rief sie Lukas an und fragte mit trockener Stimme:
— Seid ihr schon fertig?
— Wir sind dabei.