Ich sah ihn an, und in diesem Moment wurde mir alles klar. Es gab nichts mehr zu retten.
„Gut“, sagte ich und nickte langsam. „Dann bleibt sie eben.“
Sabine Winter lächelte triumphierend und steuerte sofort auf das Schlafzimmer zu.
„Na also, geht doch! Ich wusste, dass wir uns vernünftig einigen. Ich stelle hier gleich ein bisschen um, diese altmodischen Gardinen nehme ich zuerst ab…“
„Aber ich gehe“, beendete ich den Satz.
Lukas blinzelte verständnislos. „Wohin denn? Zu deinen Eltern, für einen Tag?“
„Nein, Lukas. Ich gehe endgültig. Ich packe meine Sachen und ziehe aus. Und ihr könnt hierbleiben.“
Zahlt die Miete, bedient den Kredit, kauft eure Lebensmittel. Alles allein. Ohne mich.
Für einen Augenblick war es so still, als hätte jemand die Luft aus der Wohnung gesogen. Selbst Sabine Winter verstummte. Offenbar begriff sie erst jetzt, dass sie den Bogen überspannt hatte.
„Isabella, meinst du das wirklich ernst?“, brachte Lukas heiser hervor. „In zwei Monaten ist unsere Hochzeit. Das Restaurant ist reserviert. Dein Kleid hängt schon im Schrank.“
„Dann sagen wir das Restaurant ab, und das Kleid verkaufe ich.“ Meine Stimme klang erstaunlich ruhig. „Das ist immer noch besser, als den Rest meines Lebens die Melkkuh deiner Mutter zu spielen. Ich wollte mit dir eine Familie gründen, Lukas. Eine, in der zwei Menschen einander auf Augenhöhe begegnen und sich respektieren. Aber du willst der perfekte Sohn sein — und zwar auf meine Kosten. Das beherrschst du ja inzwischen ausgezeichnet. Also bleib bei deiner Mutter.“
Danach ging ich ins Schlafzimmer und begann, meine Sachen zusammenzulegen. Lukas folgte mir auf Schritt und Tritt. Erst flehte er, dann versprach er alles Mögliche, kurz darauf schlug seine Verzweiflung in Vorwürfe um. Schließlich wurde er laut. Sabine Winter saß währenddessen in der Küche und presste sich mit großer Geste die Hand an die Brust, als stünde sie kurz vor dem Zusammenbruch. Doch diesmal erreichte mich dieses Schauspiel nicht mehr. Der Schleier war gefallen.
Eine Stunde später stand mein Koffer im Flur. Ich legte die Schlüssel auf die Ablage.
„Leb wohl, Lukas.“
Draußen blieb ich einen Moment stehen und atmete tief die kühle Herbstluft ein. Der Regen hatte aufgehört, zwischen den aufgerissenen Wolken zeigte sich ein Streifen Sonne. Natürlich tat es weh. Ich trauerte um die verlorene Zeit, um Pläne, die ich ernst gemeint hatte, um eine Zukunft, die sich plötzlich als Illusion entpuppte. Aber stärker als der Schmerz war etwas anderes: eine ungeheure Leichtigkeit. Als hätte mir jemand einen zentnerschweren Sack von den Schultern genommen, gefüllt mit fremden Schulden, Launen und Manipulationen.
Ich holte mein Handy hervor, blockierte Lukas’ Nummer und gleich danach auch die seiner Mutter. Dann bestellte ich mir ein Taxi. Das Leben ging weiter. Nur gehörte es von nun an wieder mir. Ich würde selbst entscheiden, wofür ich mein Geld ausgab und wem ich mein Herz schenkte.
Einige Monate vergingen. In dieser Zeit kaufte ich endlich eine Wohnung — klein, nur ein Studio, aber meins. Jeder Quadratmeter gehörte mir. Ich renovierte mit einer Begeisterung, die ich lange nicht mehr gespürt hatte, suchte Fliesen, Lampen, Vorhänge und sogar Türgriffe selbst aus und genoss jede Entscheidung.