Eines Tages kam ich gerade aus dem Baumarkt zurück, die Hände voller Tüten, als ich einer gemeinsamen Bekannten begegnete: Lina Hartmann.

„Isabella!“, rief sie überrascht und umarmte mich. „Du siehst großartig aus. Richtig strahlend.“

„Danke, Lina. Mir geht es gut. Und dir?“

„Auch ganz ordentlich.“ Sie zögerte kurz, dann senkte sie die Stimme ein wenig. „Weißt du, ich habe neulich deinen Ex gesehen. Lukas. Er ist furchtbar dünn geworden und sieht ziemlich mitgenommen aus.“

„Ach ja?“, fragte ich ohne besondere Regung. „Was ist passiert?“

„Eine ganze Geschichte.“ Lina verzog das Gesicht. „Er ist mit seiner Mutter damals in der Mietwohnung geblieben. Sabine Winter hat ihre eigene Wohnung an ein paar Studenten untervermietet. Und die haben einen Wasserschaden verursacht. Ein Rohr ist geplatzt, alles stand unter Wasser. Jetzt müsste dort grundlegend saniert werden. Von den Mietern kann sie nichts holen, weil es keinen ordentlichen Vertrag gab. Gleichzeitig läuft der Kredit für das Auto weiter. Lukas schuftet inzwischen in zwei Jobs und ist völlig fertig mit den Nerven. Und seine Mutter wohnt jetzt mit ihm in einer billigeren kleinen Einzimmerwohnung und macht ihm rund um die Uhr Vorwürfe, er verdiene zu wenig und könne ihr bei der Renovierung nicht helfen.“

Ich hörte zu, ohne Schadenfreude zu empfinden. Mitleid spürte ich allerdings auch nicht. Es war einfach eine Tatsache. Jeder Mensch trifft seine Wahl. Lukas hatte sich dafür entschieden, der „gute Sohn“ zu sein, selbst wenn er dafür sein eigenes Leben opferte. Das war sein Weg, nicht meiner.

„Und noch etwas“, fügte Lina hinzu und beugte sich näher zu mir. „Er hat nach dir gefragt. Er sagt, er bereue alles. Er sei ein Idiot gewesen. Seine Mutter habe ihm das ganze Leben ruiniert.“

Ich lächelte schwach. „Nein, Lina. Seine Mutter hat ihm nicht das Leben zerstört. Er hat zugelassen, dass sie es tut. Einen Menschen, der innerlich gefestigt ist, kann man nicht so einfach zerbrechen.“

Wir verabschiedeten uns, und ich ging weiter zu meiner neuen, gemütlichen Wohnung. In meiner Tasche vibrierte das Handy. Die Gehaltsbenachrichtigung war eingegangen. Im Kopf überschlug ich sofort: Nebenkosten, Lebensmittel, etwas für den Urlaub zurücklegen. Und kein einziger fremder Kredit. Was für ein Glück es doch war, wieder die Herrin des eigenen Schicksals zu sein.

Ich schloss die Wohnungstür mit meinem eigenen Schlüssel auf und trat ein. Es roch nach frischer Farbe und Kaffee. Auf der Fensterbank blühte der Ficus, den ich mir zum Einzug gekauft hatte. Das Leben fühlte sich schön an — und darin war kein Platz mehr für Menschen, die ihr Glück auf Kosten anderer finanzieren wollten.

Am Abend saß ich mit einer Tasse Tee am Fenster und blickte auf die Lichter der Stadt. Plötzlich erinnerte ich mich an jene Nachricht mit dem Zahlungsplan. Seltsamerweise war ich Sabine Winter inzwischen beinahe dankbar. Ohne ihre Dreistigkeit hätte ich vielleicht nie erkannt, wer der Mann wirklich war, mit dem ich mein Leben verbinden wollte. Ohne es zu beabsichtigen, hatte sie mich vor einem gewaltigen Fehler bewahrt. Dafür hätte man ihr fast danken können. Aber ihre Autoraten hätte ich trotzdem nicht bezahlt. Nicht einmal aus Dankbarkeit.

Wie der Ehemann seine Eltern in die gemeinsame Zweizimmerwohnung holen wollte und seine Frau vor die Wahl stellte: sie oder die Scheidung

Emilia Lehmann kam an diesem Tag früher von der Arbeit zurück als sonst. Der Frühling zeigte sich unerwartet mild; warmes Licht lag auf den Fensterscheiben, und sie freute sich nur noch darauf, das enge Bürokostüm loszuwerden, die Balkontür weit aufzustoßen und endlich frische Luft zu atmen.

Im Treppenhaus hing der scharfe Geruch neuer Farbe. Offenbar hatten die Nachbarn im dritten Stock mit Renovierungsarbeiten begonnen.