Tränen kamen nicht. Auch kein Zittern. Da war Wut — dicht, gesammelt, brauchbar. Eine Wut, die nicht zerstörte, sondern den Verstand einschaltete.
Anna arbeitete als Kalkulationsingenieurin in einem Bauunternehmen und war daran gewöhnt, alles zu berechnen: Fristen, Risiken, Kosten und die Folgen fremder Nachlässigkeit. Sie war kein romantisches Mädchen, das daran glaubte, nach der Hochzeit werde sich schon alles irgendwie einrenken. Sie war zweiunddreißig. Hinter ihr lagen Dinge, die sie geprägt hatten; an erster Stelle eine Baufinanzierung.
Diese hatte sie vorzeitig abbezahlt, ohne Eltern, Freunde oder irgendeinen wohlmeinenden Retter im Hintergrund. Dazu kamen die Sanierung ihrer eigenen Wohnung, mehrere nervenaufreibende Projekte und eine lange, zermürbende Beziehung mit einem Mann, der ihr drei Jahre lang versprochen hatte, irgendwann „so weit“ zu sein, während sie allein die Arbeit für zwei leistete.
Mit Christian Baumann hatte es sich anfangs anders angefühlt. Er war aufmerksam gewesen, konnte charmant sein, machte keine billigen Komplimente und hörte tatsächlich zu, wenn sie sprach. Kennengelernt hatten sie sich weder in einem Café noch im Büro, sondern in der Warteschlange eines Reparaturdienstes. Nach einem heftigen Wolkenbruch hatten beide ihre durchnässten Handys abgegeben. Christian hatte ihr damals den Platz am Schalter überlassen, anschließend ein Taxi für sie organisiert, weil halb die Stadt unter Wasser stand, und zwei Tage später per Kurier eine neue Handyhülle geschickt. Auf der beigelegten Karte stand: „Für die nächste Sintflut.“ Anna hatte gelacht. Und ja gesagt, als er sie um ein Treffen bat.
Anderthalb Jahre lang wirkte er wie ein erwachsener, verlässlicher Mann. Nicht kleinlich. Nicht kontrollierend. Nicht einer von denen, die wegen jeder Kleinigkeit beleidigt eine Szene machten. Vor allem griff er nicht nach ihrem Geld und tat nicht so, als stünde ihm irgendetwas davon zu. Genau deshalb hatte sie seinen Antrag angenommen. Den Ring hatte er ihr im zeitigen Frühjahr auf einer Aussichtsplattform am Fluss gegeben. Es war ruhig gewesen, schön, ohne Menschenmenge, ohne peinliche Inszenierung, ohne dieses aufdringliche Theater, bei dem alle klatschen müssen. Anna hatte nicht zugesagt, weil sie Angst vor dem Alleinsein hatte. Sie hatte zugesagt, weil sie damals überzeugt gewesen war, dass sie beide wirklich ein Team waren.
Die ersten Warnzeichen tauchten auf, nachdem sie den Termin beim Standesamt festgemacht hatten. Als hätte allein die Tatsache, dass es nun offiziell werden sollte, in Christians Kopf einen Schalter umgelegt. Immer häufiger sagte er nicht mehr: „Das entscheiden wir gemeinsam“, sondern: „Ich finde, es wird so gemacht.“ Aus „Wie passt es dir?“ wurde „So ist es vernünftiger“. Anna war nicht gutgläubig genug, um das zu übersehen. Trotzdem stürzte sie sich nicht sofort in Streit. Sie wollte erst begreifen, ob es sich um einzelne Ausrutscher handelte oder um ein Muster. Ein Vorfall konnte Zufall sein. Zwei ergaben eine Tendenz. Fünf waren bereits ein System.