„Zusammen?“ Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Wir sind schon lange nicht mehr zusammen. In dieser Ehe gab es nur noch dich — dich, dein Ego und deine Emilia Weiß. Ich habe lediglich die Rechnungen bezahlt.“
Sie nahm die Autoschlüssel vom Tisch. Lukas hatte sie beim Hereinkommen wie immer dort abgelegt, ohne darüber nachzudenken.
„Diese Schlüssel bleiben ab jetzt bei mir. Den Wagen benutzt du nicht mehr. Wenn du fahren willst, kauf dir ein eigenes Auto. Oder bitte Emilia darum, wo ihr euch doch so nahesteht.“
„Sophie…“ Er machte einen Schritt auf sie zu.
Sie hob die Hand, und er blieb stehen.
„Nein, Lukas. Es ist vorbei. Wirklich vorbei. Ich bitte dich nur um eines: Geh mit Würde. Benimm dich wenigstens jetzt wie ein erwachsener Mann und nicht wie ein gekränktes Kind.“
Nach und nach begannen die Gäste aufzubrechen. Niemand fand passende Worte, niemand wusste, wohin mit den Blicken. Timo Schäfer und Daniel Weiß gingen als Erste, murmelten unbeholfene Entschuldigungen und verschwanden fast fluchtartig. Auch die Kollegen verabschiedeten sich rasch, dankbar für jeden Vorwand, die bedrückende Wohnung verlassen zu können.
Am Ende blieben nur noch die Eltern zurück — seine und ihre. Lukas’ Mutter trat zu Sophie.
„Sophiechen“, sagte sie unter Tränen, „verzeih ihm. Er ist ein Dummkopf, aber er ist mein Sohn.“
„Ich hasse ihn nicht“, antwortete Sophie leise. „Ich kann nur nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich bin am Ende.“
„Ich verstehe dich“, flüsterte die Frau und nickte immer wieder. „Ich verstehe dich. Wir tragen auch Schuld daran. Wir haben ihn verwöhnt, ihn so werden lassen…“ Sie brach ab, weil ihr erneut die Tränen kamen.
Lukas’ Eltern nahmen ihren Sohn mit ins Zimmer. Sophies Vater trat zu seiner Tochter und legte ihr den Arm um die Schultern.
„Gut gemacht“, sagte er schlicht. „Du hast richtig gehandelt.“
Sophie sah ihn überrascht an.
„Papa, ich dachte, du würdest sagen, man müsse eine Familie zusammenhalten.“
„Eine Familie hält man zusammen, wenn noch etwas da ist, das man retten kann“, erwiderte er. „Hier war schon lange nichts mehr.“
Drei Tage später zog Lukas aus. Ohne Streit, ohne große Worte. Er packte seine Sachen, trug Kisten und Taschen hinaus und verschwand. Sophie war im Büro. Sie hatte sich absichtlich keinen freien Tag genommen. Sie wollte nicht dabei zusehen, wie er ihr gemeinsames Leben in Kartons sortierte.
Als sie am Abend zurückkam, wirkte die Wohnung seltsam leer. Nicht nur still, sondern fremd, als hätte jemand die Luft aus den Räumen genommen. Sophie ging langsam durch jedes Zimmer, öffnete Schränke, zog Schubladen auf. Seine Kleidung war fort, seine Schuhe standen nicht mehr im Flur, seine Uhr lag nicht mehr auf der Kommode.
Nur im Bad hatte er seinen Rasierer vergessen.
Sie nahm ihn in die Hand, betrachtete ihn einen Moment lang und warf ihn dann in den Mülleimer.
Danach setzte sie sich auf das Sofa — dasselbe Sofa, auf dem Lukas noch vor einer Woche gesessen, Freunde empfangen und großspurig von einem Haus im Grünen erzählt hatte. Durch das Fenster sah sie hinunter auf den Parkplatz. Dort stand ihr Toyota Camry, silbern, sauber, im Licht der Straßenlaternen glänzend.
Erst jetzt, in dieser ungewohnten Ruhe, ließ Sophie die Tränen zu. Sie weinte nicht aus Selbstmitleid. Nicht einmal aus Kränkung. Sie weinte, weil die Anspannung endlich von ihr abfiel. Weil es vorbei war. Weil sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder frei atmen konnte.
Nach einer Stunde stand sie auf, wischte sich das Gesicht ab und spritzte kaltes Wasser auf ihre Augen. Dann kochte sie sich Tee, setzte sich an den Computer und öffnete ein leeres Dokument.
Sie begann zu planen.
Nicht sein Leben. Nicht ihr Leben als Statistin in seiner erfundenen Erfolgsgeschichte.
Sondern ihr eigenes.
Ein neues Leben — ohne Lügen, ohne Fassade, ohne die Pflicht, fremde Träume zu bezahlen.