Geschichte
„Kauf dir einen Kuchen“, sagte er kalt und wandte sich dem Fernseher zu

„Kauf dir einen Kuchen“, sagte er kalt und wandte sich dem Fernseher zu

Dieses kaltherzige, respektlose Verhalten ist unerträglich.

274 Leser 8 Seiten ~3 Min.

„Was ist das denn für ein Weib! Komplett begriffsstutzig! Ich habe doch gesagt, dass ich keine Zeit habe!“

Daniel Winter schleuderte sein Sakko in Richtung Stuhllehne. Er traf nicht. Der Stoff rutschte über die Kante und landete auf dem Boden, doch er drehte sich nicht einmal um. Mit einem Schritt stieg er darüber hinweg und verschwand in der Küche, wo er kurz darauf geräuschvoll den Kühlschrank aufriss.

Sophie Kraus stand im Flur vor dem Spiegel und betrachtete ihr eigenes Gesicht. Fünfunddreißig. Heute. Genau jetzt, in diesem Augenblick. In ihrer Hand lag das Handy: Glückwünsche von ihrer Mutter, Nachrichten von Kollegen, irgendein Rabattgutschein eines Geschäfts. Mehr nicht. Von ihrem Mann kam gar nichts.

„Daniel“, sagte sie ruhig, beinahe vorsichtig, „ich dachte nur, wir könnten vielleicht zusammen essen gehen. In ein Café oder wenigstens…“

„Sophie, hör endlich auf!“ Er kam mit einer Bierflasche aus der Küche zurück und drehte im Gehen den Verschluss auf. „Ich habe morgen ein Treffen mit Geschäftspartnern. Ich muss mich vorbereiten. Was daran ist so schwer zu verstehen? Feier eben allein. Kauf dir einen Kuchen.“

So also. Kauf dir einen Kuchen.

Sie weinte nicht. Seltsam eigentlich, aber sie weinte nicht. Sie sah ihn nur an: diesen Mann im zerknitterten Hemd, der mitten in ihrer gemeinsamen Wohnung stand und bereits wieder zum Fernseher blickte, als hätte sie aufgehört zu existieren. Acht Jahre waren sie zusammen. Sieben davon verheiratet. Und an ihrem Geburtstag bekam sie zu hören: Kauf dir einen Kuchen.

Um acht Uhr abends verließ Sophie die Wohnung. Ohne Plan, ohne Ziel. Sie zog sich nur ihre Jacke über, nahm ihre Tasche und ging. Daniel fragte nicht einmal, wohin.

Die Stadt wirkte an diesem Frühlingsabend wie die Kulisse eines Films, den sie früher einmal hatte drehen wollen: helles Restlicht über den Straßen, Paare auf den Gehwegen, Gelächter vor dem Eingang einer Bar, Kaffeeduft, der aus der offenstehenden Tür eines kleinen Lokals strömte. Sophie trat ein, einfach weil sie irgendwohin musste.

Es war ein schmales, gemütliches Café mit Holztischen und echten Pflanzen auf den Regalen. Sie bestellte einen Cappuccino und ein Croissant, obwohl sie keinen Hunger hatte, und setzte sich ans Fenster.

Genau dort geschah etwas in ihr. Kein großes Drama, kein Blitzschlag. Eher ein leises Einrasten, als hätte sich ein innerer Mechanismus plötzlich an die richtige Stelle bewegt.

Aus ihrer Tasche holte sie ein Notizbuch. Eine alte Angewohnheit; sie trug immer eines bei sich. Auf eine leere Seite schrieb sie: Was will ich eigentlich? Lange blieb ihr Blick auf dieser Frage liegen. Dann notierte sie die Antwort. Nur eine. Kurz und klar.

Später klappte sie das Notizbuch zu, trank den letzten Schluck Kaffee und wünschte sich etwas. Nicht laut, nicht vor einer Kerze auf einer Geburtstagstorte. Nur in sich hinein, fest und ohne Ausschmückung. So, wie man unter ein wichtiges Dokument seine Unterschrift setzt.

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