Am nächsten Morgen rief ihre Schwiegermutter an.

Claudia Berg meldete sich grundsätzlich ohne Vorwarnung, grundsätzlich im ungünstigsten Augenblick und stets in einem Tonfall, als sei schon ihr Anruf allein ein großzügiges Entgegenkommen.

„Sophie“, begann sie, „du musst heute bei mir vorbeikommen. Daniel braucht Unterlagen aus seiner alten Mappe, du weißt ja, wo sie liegt. Bringst du sie vorbei?“

„Claudia Berg, ich arbeite bis sechs.“

„Na und? Dann kommst du eben nach sechs. Ich warte.“

Sophie sah auf ihren Kalender. Nach sechs hatte sie einen Termin. Den ersten seit langer Zeit. Es ging um etwas, das sie seit einem halben Jahr in Gedanken hin und her schob und immer wieder vertagte. Gestern Abend jedoch, nach dem Café, hatte sie plötzlich dem richtigen Menschen geschrieben. Zwanzig Minuten später war die Antwort gekommen: Morgen um sieben passt, ich bin frei.

„Ich kann nicht“, sagte Sophie.

Am anderen Ende entstand Stille.

„Was heißt, du kannst nicht?“ In der Stimme ihrer Schwiegermutter erschien jener Klang, den Sophie auswendig kannte: kühl, leicht empört, als wäre schon die Formulierung „ich kann nicht“ eine Unverschämtheit. „Daniel hat gesagt, dass diese Unterlagen dringend gebraucht werden.“

„Dann soll Daniel selbst hinfahren und sie holen.“

Wieder Schweigen. Diesmal länger.

„Sophie, sag mal, geht es dir noch gut? Er ist ein beschäftigter Mann!“

„Ich bin ebenfalls beschäftigt“, antwortete Sophie und beendete das Gespräch.

Sie legte das Handy auf den Tisch und wartete unwillkürlich darauf, dass es sofort wieder klingeln würde. Doch es blieb still. Erst wenig später vibrierte es: eine Sprachnachricht von Daniel. „Meine Mutter sagt, du warst unverschämt. Ist bei dir eigentlich noch alles in Ordnung?“

Sophie schob das Telefon in ihre Tasche.

Der Termin fand in einem kleinen Büro in der Waldstraße statt: drei Räume, weiße Wände, ein Tisch mit Laptop und eine große Pinnwand aus Kork, übersät mit Zetteln, Skizzen und Pfeilen. Jonas Baumann war jünger, als Sophie ihn sich nach dem Schriftwechsel vorgestellt hatte – vielleicht achtunddreißig, nicht besonders groß, mit Brille. Er sprach schnell, präzise und ohne Umwege.

„Ich habe mir Ihre Arbeiten angesehen“, sagte er gleich, nachdem sie eingetreten war. „Nicht nur überflogen, wirklich angesehen. Sie wissen genau, wovon Sie sprechen. Warum haben Sie damit so lange nichts gemacht?“

Sophie schwieg einen Moment.

„Der richtige Augenblick war nie da.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist er da.“

Jonas nickte, als genüge ihm diese Erklärung vollkommen.

Sie blieben zwei Stunden zusammen sitzen. Es ging um ihr Vorhaben. Sophie arbeitete als Innenarchitektin, gut, sauber, professionell – doch immer für andere: für ein Studio, für Auftraggeber, nach fremden Vorgaben. Die Idee eines eigenen kleinen Büros mit einer klaren Handschrift und einem eigenen Namen trug sie dagegen schon lange mit sich herum. Jonas hatte mehrere vergleichbare Projekte begleitet.

Er hatte Investoren überzeugt, Abläufe strukturiert, Risiken eingeschätzt und wusste ziemlich genau, wie man aus einer vagen Idee ein tragfähiges Geschäft machte.