„Ich brauche etwas Zeit zum Nachdenken“, sagte Sophie Kraus, als sie sich schließlich erhoben.
„Wie viel Zeit?“
„Eine Woche.“
„In Ordnung.“ Jonas Baumann sah sie offen an. „Aber ich sage es Ihnen ganz ehrlich: So ein klares Gefühl für ein Produkt habe ich selten bei jemandem erlebt, der noch gar nicht gestartet ist. Das ist ungewöhnlich.“
Draußen blieb Sophie einen Moment stehen. Die Stadt rauschte um sie herum: Motoren, Stimmen, Schritte, irgendwo drang Musik aus einem gekippten Fenster. Auf dem Bürgersteig atmete sie tief ein und spürte etwas Seltsames, beinahe Körperliches. Als hätte sich in ihr ein schwerer Stein endlich ein Stück verschoben.
Ihr Wunsch begann Form anzunehmen. Nicht laut, nicht dramatisch, ohne Fanfaren. Nur als erster, leiser Schritt, der trotzdem alles verändern konnte.
Sie ging zur U-Bahn. Ihr Handy vibrierte erneut. Daniel Winter. Kurz darauf Claudia Berg. Dann wieder Daniel.
Sophie stellte den Ton aus.
Zu Hause aß sie schweigend zu Abend, während ihr Mann im Schlafzimmer irgendetwas ansah. Danach legte sie sich früh hin. Bevor sie die Augen schloss, griff sie noch einmal nach ihrem Notizbuch und las den Satz, den sie am Tag zuvor im Café geschrieben hatte.
Ich will mein eigenes Leben.
Drei Wörter. Und plötzlich wirkten sie nicht mehr furchteinflößend.
Daniel Winter war nicht von einem Tag auf den anderen unverschämt geworden. Es war langsam geschehen, fast unmerklich, wie Schimmel an einer Wand: erst kaum sichtbar, dann immer breiter, bis man sich eines Tages umdrehte und begriff, dass längst alles davon überzogen war.
Am nächsten Morgen kam er um sieben in die Küche, als Sophie bereits Kaffee kochte. Noch im Türrahmen sagte er, ohne Gruß, ohne jede Einleitung:
„Du warst gestern unverschämt zu meiner Mutter.“
Kein „Guten Morgen“. Kein „Wie geht es dir“. Nur dieser Vorwurf.
Sophie füllte Kaffee in ihre Tasse und nahm einen Schluck.
„Ich habe gesagt, dass ich nicht kommen kann. Das ist keine Unverschämtheit.“
„Sie hat mich dreimal angerufen! Dreimal, Sophie! Begreifst du eigentlich, wie sehr sie sich aufgeregt hat?“
„Daniel, ich hatte keine Zeit. Ich war in einem Termin.“
Er betrachtete sie mit diesem Blick, mit dem man etwas ansieht, das einem zugleich lästig und unverständlich erscheint.
„Was denn für ein Termin? Du machst doch Innenarchitektur, bei dir läuft alles über den Laptop. Was ist das für ein Termin um sieben Uhr abends?“
„Ein beruflicher“, antwortete Sophie knapp.
Damit gab er sich nicht zufrieden. Er setzte sich an den Tisch, nahm sein Handy und begann zu scrollen. Währenddessen sagte er, ohne sie anzusehen:
„Na gut. Dann fährst du heute nach der Arbeit zu Mama und bringst ihr die Unterlagen. Die Mappe liegt im Arbeitszimmer in der oberen Schublade. Die blaue.“
Sophie stellte die Tasse ab.
„Nein.“
Daniel hob den Kopf.
„Was heißt nein?“
„Heute kann ich nicht. Und morgen wahrscheinlich auch nicht. Claudia Berg soll mir sagen, welche Unterlagen sie genau braucht. Ich scanne sie ein und schicke sie per E-Mail.“
Drei Sekunden lang starrte er sie an. Dann legte er das Handy langsam auf den Tisch.