
„Kauf dir eine Torte“, sagte er kalt, während Mia an ihrem 35. Geburtstag allein die Wohnung verließ
Diese kalte Gleichgültigkeit ist schmerzhaft und beschämend.
„Was soll das denn wieder? Was für ein Weib! Komplett begriffsstutzig! Ich habe doch gesagt, dass ich beschäftigt bin!“
Leon Hartmann schleuderte sein Sakko in Richtung Stuhllehne. Er verfehlte sie, der Stoff rutschte zu Boden, doch er drehte sich nicht einmal um. Ohne hinzusehen stieg er darüber hinweg und ging in die Küche, wo er kurz darauf lautstark am Kühlschrank hantierte.
Mia Lange blieb im Flur vor dem Spiegel stehen und sah ihrem eigenen Spiegelbild entgegen. Fünfunddreißig. Heute. Genau jetzt, in diesem Augenblick. In ihrer Hand lag das Handy: Glückwünsche von ihrer Mutter, ein paar Nachrichten von Kolleginnen, dazu ein Rabattgutschein aus irgendeinem Onlineshop. Und sonst nichts. Von ihrem Mann: kein Wort.
„Leon“, sagte sie mit erstaunlich ruhiger Stimme, „ich hatte nur gedacht, vielleicht könnten wir zusammen essen gehen. In ein Restaurant oder wenigstens…“
„Mia, hör endlich auf!“ Er kam mit einer Bierflasche aus der Küche zurück und drehte im Gehen den Verschluss auf. „Ich habe morgen einen Termin mit Geschäftspartnern, ich muss mich vorbereiten. Was ist daran so schwer zu begreifen? Feier eben allein. Kauf dir eine Torte.“

So einfach war das also. Kauf dir eine Torte.
Sie weinte nicht. Seltsam eigentlich, aber sie weinte wirklich nicht. Sie sah ihn nur an: diesen Mann im zerknitterten Hemd, der mitten in ihrer gemeinsamen Wohnung stand und bereits auf den Fernseher starrte, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Acht Jahre waren sie zusammen. Sieben davon verheiratet. Und an ihrem Geburtstag lautete seine Antwort: Kauf dir eine Torte.
Um acht Uhr abends verließ Mia die Wohnung. Ohne Plan, ohne Ziel, einfach hinaus. Sie zog ihre Jacke über, nahm ihre Tasche und ging. Leon fragte nicht einmal, wohin sie wollte.
Die Stadt wirkte an diesem Frühlingsabend wie die Kulisse eines Films, den sie früher einmal selbst hatte drehen wollen: helles Licht in den Straßen, Paare auf den Gehwegen, Gelächter vor einer Bar, der warme Duft von Kaffee, der aus der geöffneten Tür eines kleinen Cafés strömte. Mia blieb stehen und trat ein. Nicht, weil sie Hunger hatte. Nur, weil sie irgendwohin musste.
Es war ein schmaler, gemütlicher Laden mit Holztischen, Pflanzen auf den Regalen und gedämpftem Licht. Sie bestellte einen Cappuccino und ein Croissant, obwohl ihr überhaupt nicht nach Essen zumute war, und setzte sich an den Platz am Fenster.
Und genau dort geschah etwas in ihr. Kein großes Beben, kein dramatischer Entschluss. Eher ein leises Klicken, als wäre ein lange verklemmtes Schloss plötzlich aufgesprungen.
Aus ihrer Tasche zog sie ein Notizbuch. Diese Angewohnheit hatte sie nie abgelegt; sie trug immer eines bei sich. Auf eine leere Seite schrieb sie: Was will ich eigentlich?
Lange blieb ihr Blick auf dieser Frage liegen. Dann setzte sie darunter eine Antwort. Nur eine. Kurz, klar, ohne Ausschmückung.
Sie klappte das Notizbuch zu, trank den Kaffee aus und wünschte sich etwas. Nicht laut, nicht vor einer Geburtstagstorte mit Kerzen, nicht als kindlicher Wunsch in die Luft gesprochen. Sondern tief in sich, fest und nüchtern, als würde sie ihre Unterschrift unter ein wichtiges Dokument setzen.
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