Am nächsten Morgen rief ihre Schwiegermutter an.

Katharina Bergmann meldete sich grundsätzlich ohne Vorwarnung, immer zum ungünstigsten Zeitpunkt und stets in einem Tonfall, als sei bereits ihr Anruf ein großzügiger Gefallen.

„Mia“, sagte sie, „du musst heute bei mir vorbeikommen. Leon braucht Unterlagen aus seiner alten Mappe, du weißt doch, wo sie liegt. Bringst du sie vorbei?“

„Katharina Bergmann, ich arbeite bis sechs.“

„Na und? Dann kommst du eben danach. Ich warte.“

Mia blickte auf ihren Kalender. Nach sechs hatte sie einen Termin eingetragen — den ersten seit langer Zeit, der wirklich ihr gehörte. Es ging um eine Sache, über die sie schon seit einem halben Jahr nachdachte und die sie immer wieder aufgeschoben hatte. Gestern Abend, nach dem Café, hatte sie plötzlich der richtigen Person geschrieben. Zwanzig Minuten später war die Antwort gekommen: Morgen um sieben passt es, ich bin frei.

„Ich kann nicht“, sagte Mia.

Am anderen Ende entstand Schweigen.

„Was heißt, du kannst nicht?“ In der Stimme ihrer Schwiegermutter lag sofort jener Unterton, den Mia inzwischen auswendig kannte: kühl, leicht empört, beinahe überrascht, als sei der Satz „Ich kann nicht“ etwas Unanständiges. „Leon hat gesagt, die Unterlagen seien dringend.“

„Dann soll Leon selbst vorbeikommen und sie holen.“

Wieder Stille. Diesmal länger.

„Mia, ist bei dir noch alles in Ordnung? Er ist ein vielbeschäftigter Mann!“

„Ich bin auch beschäftigt“, erwiderte Mia und beendete das Gespräch.

Danach legte sie das Handy auf den Tisch und wartete. Gleich würde Katharina Bergmann zurückrufen, dachte sie. Doch das Telefon blieb stumm. Erst etwas später vibrierte es: eine Sprachnachricht von Leon. Seine Mutter behaupte, sie sei unverschämt gewesen. Ob bei ihr überhaupt noch alles stimme.

Mia steckte das Handy kommentarlos in ihre Tasche.

Der Termin fand in einem kleinen Büro in der Waldstraße statt: drei Räume, weiße Wände, ein Tisch mit Laptop und eine große Pinnwand aus Kork, die vollständig mit Zetteln, Skizzen und Ablaufplänen bedeckt war. Alexander Stein war jünger, als sie ihn sich nach dem schriftlichen Austausch vorgestellt hatte — vielleicht achtunddreißig, nicht besonders groß, mit Brille. Er sprach schnell, direkt und ohne unnötige Umwege.

„Ich habe mir Ihre Arbeiten angesehen“, sagte er, kaum dass sie eingetreten war. „Wirklich angesehen, nicht nur flüchtig durchgeklickt. Sie wissen genau, wovon Sie reden. Warum haben Sie so lange nichts daraus gemacht?“

Mia schwieg einen Moment.

„Es war nie der richtige Zeitpunkt.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist er da.“

Alexander nickte, als genüge ihm diese Erklärung vollkommen.

Zwei Stunden blieben sie in dem Büro sitzen. Sie sprachen über ihr Vorhaben. Mia arbeitete als Innenarchitektin — gut, sauber, professionell, aber immer für andere: für ein Studio, für Kunden, für fremde Vorgaben und fremde Entscheidungen. Die Idee jedoch, ein eigenes kleines Büro zu gründen, mit einem klaren Konzept und einem eigenen Namen, trug sie schon lange mit sich herum. Alexander Stein hatte bereits mehrere ähnliche Projekte begleitet.