Er wusste, wie man Investoren anspricht, welche Unterlagen sie sehen wollen und an welcher Stelle ein Vorhaben vom bloßen Wunsch zu einem echten Geschäftsmodell wird.

Als sie sich schließlich erhoben, sagte Mia:

„Ich brauche etwas Zeit, um darüber nachzudenken.“

„Wie viel?“

„Eine Woche.“

Alexander Stein nickte.

„Einverstanden. Aber ich sage Ihnen ganz offen: So eine klare Vorstellung vom eigenen Produkt sehe ich selten bei jemandem, der noch gar nicht gestartet ist. Das ist wirklich ungewöhnlich.“

Draußen blieb Mia einen Augenblick auf dem Gehweg stehen. Die Stadt rauschte um sie herum: Autos, Schritte, Stimmen, irgendwo drang Musik aus einem offenen Fenster. Und plötzlich spürte sie etwas Merkwürdiges, fast Körperliches — eine Leichtigkeit, als hätte sich in ihr ein schwerer Stein endlich ein Stück bewegt.

Der Wunsch begann, Wirklichkeit zu werden. Nicht laut, nicht feierlich, nicht mit einem großen Zeichen. Nur mit einem leisen ersten Schritt, der trotzdem alles verändern konnte.

Sie ging bis zur U-Bahn. In ihrer Tasche vibrierte das Handy erneut. Leon Hartmann. Kurz darauf: Katharina Bergmann. Dann wieder Leon.

Mia stellte den Ton aus.

Zu Hause aß sie schweigend zu Abend, während ihr Mann im Schlafzimmer irgendetwas ansah. Danach ging sie früh ins Bett. Bevor sie die Augen schloss, schlug sie noch einmal ihr Notizbuch auf und las die Zeile, die sie am Tag zuvor im Café geschrieben hatte.

Ich will mein eigenes Leben.

Drei Wörter. Und sie machten ihr keine Angst mehr.

Leon war nicht von einem Tag auf den anderen dreist geworden. Es war langsam geschehen, schleichend, wie Schimmel an einer Wand: erst kaum sichtbar, dann immer deutlicher, bis man sich irgendwann umblickt und begreift, dass schon alles davon überzogen ist.

Am nächsten Morgen kam er um sieben in die Küche, als Mia bereits Kaffee kochte. Ohne Begrüßung, ohne ein „Guten Morgen“, ohne auch nur zu fragen, wie es ihr ging, sagte er von der Tür aus:

„Du warst gestern unverschämt zu meiner Mutter.“

Nicht: Schön, dich zu sehen. Nicht: Wie geht es dir. Sondern sofort: unverschämt.

Mia schenkte sich Kaffee in eine Tasse ein und trank einen Schluck.

„Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht kommen kann. Das ist keine Unverschämtheit.“

„Sie hat mich dreimal angerufen. Dreimal, Mia! Weißt du überhaupt, wie aufgewühlt sie war?“

„Leon, ich hatte keine Zeit. Ich war bei einem Termin.“

Er musterte sie, als hätte sie etwas gesagt, das ihm zwar nicht ganz verständlich war, ihn aber auch nicht genug interessierte, um wirklich nachzufragen. In seinem Blick lag vor allem Gereiztheit.

„Was für ein Termin denn? Du machst doch Innenarchitektur. Dafür sitzt du am Laptop. Was soll das für ein Termin um sieben Uhr abends gewesen sein?“

„Ein beruflicher“, erwiderte Mia knapp.

Damit gab er sich nicht zufrieden. Er setzte sich an den Tisch, nahm sein Handy, begann mit dem Daumen über den Bildschirm zu wischen und sagte, ohne sie anzusehen:

„Also gut. Heute nach der Arbeit fährst du zu meiner Mutter und bringst ihr die Unterlagen. Die Mappe liegt im Arbeitszimmer oben in der Schublade. Die blaue.“