Von einem gemeinsamen Bekannten erfuhr sie später, dass Leon Hartmann ziemlich schnell eine neue Freundin hatte. Fast unmittelbar nach dem Auszug. Katharina Bergmann soll auch mit dieser Frau nicht zufrieden gewesen sein. Aber das gehörte nicht mehr zu Mias Geschichte.
An einem späten Oktoberabend saß Mia allein im Büro. Alle anderen waren längst gegangen, nur sie war geblieben, weil ein neuer Entwurf sie nicht losließ. Draußen rauschte die Stadt, irgendwo bremste ein Bus, Stimmen zogen unter dem Fenster vorbei. In ihrer Tasse war der Tee kalt geworden. Auf dem Tisch lag ihr Notizbuch aufgeschlagen.
Sie nahm den Stift, blätterte einige Seiten zurück und fand die Stelle, an der sie an ihrem Geburtstag drei Worte notiert hatte.
Ich will mein Leben.
Mia betrachtete den Satz lange. Dann schrieb sie darunter, mit dem Datum dieses Abends:
Ich habe es.
Sie klappte das Notizbuch zu. Trank den kalten Tee aus. Löschte das Licht.
Und ging hinaus — in ihre Stadt, in ihren Abend, in ihr eigenes Leben.
Der Dezember kam plötzlich, wie er es immer tat.
Mia stand mit einer Kaffeetasse am Fenster ihres Büros und blickte hinunter auf die Straße. Menschen eilten durch die Kälte, manche mit Einkaufstaschen, andere telefonierend, jemand zog den Schal höher ins Gesicht. Es war ein gewöhnlicher Abend in einer gewöhnlichen Stadt. Und doch fühlte sich in ihr alles ruhig an, beinahe klar. So, wie man sich nach einer langen Reise fühlt, wenn man endlich angekommen ist.
Alexander kam herein, ohne anzuklopfen. Das machte er immer so.
„Ich muss dir etwas zeigen“, sagte er und legte eine Mappe auf ihren Schreibtisch.
Mia drehte sich zu ihm um.
In der Mappe lag ein ausgedrucktes Angebot eines Berliner Architektenverbunds. Ein gemeinsames Projekt. Ernsthaft, sichtbar, mit einem Namen, der in der Branche Gewicht hatte. Sie hatten Mias letzte Arbeiten gesehen und waren über Bekannte auf Alexander zugekommen.
Mia blätterte langsam durch die Seiten.
„Das ist ein großer Schritt“, sagte sie.
„Ja“, antwortete Alexander. „Ein großer. Aber du bist bereit dafür. Ich sehe das schon lange.“
Sie schwieg einen Moment. Ihr Blick wanderte zur Vase am Fenster. Darin standen noch immer die Zweige von der Eröffnung. Längst waren sie nicht mehr nur Zweige. Sie hatten Blätter getrieben, waren dichter geworden, hatten sich ausgebreitet, als hätten sie beschlossen zu bleiben.
Schließlich nickte Mia.
„Gut“, sagte sie. „Dann versuchen wir es.“
Alexander lächelte nur kurz, fast geschäftlich. Doch in seinen Augen lag etwas, das über reine Kollegialität hinausging. Mia bemerkte es. Sie ließ es aber unberührt. Noch nicht. Nicht jetzt. Für manche Dinge gab es einen richtigen Zeitpunkt.
Am Abend ging sie zu Fuß nach Hause, obwohl es kalt war. Sie wollte den Weg spüren, die Luft, die Lichter, die Stadt. Über den Straßen hingen Dezembergirlanden, Schaufenster spiegelten Gold und Rot, von einem kleinen Stand roch es nach Mandarinen. Irgendwo spielte Musik.
Mia ging weiter und dachte daran, wie sie vor genau einem Jahr im Flur vor dem Spiegel gestanden hatte, das Telefon in der Hand, und sich gefühlt hatte wie jemand, dem nichts wirklich gehörte. Kein Raum. Kein Abend. Kein Recht auf Ruhe. Nicht einmal der eigene Geburtstag.
Jetzt war alles anders.
Das Büro gehörte ihr. Die Entscheidungen gehörten ihr. Der Morgen, der Kaffee, der Weg zur Arbeit — all das war ihr eigenes. Und auch diese neue, große, ein wenig beängstigende Zukunft gehörte ihr.
Sie holte das Handy aus der Tasche und schrieb ihrer Mutter:
Alles ist gut. Sogar besser.
Dann steckte sie das Telefon weg, schlug den Kragen ihres Mantels hoch und ging weiter.
Sicher.
Ohne sich noch einmal umzudrehen.