
„Deine Vorfahren waren ein Haufen bettelarmer Habenichtse!“ sagte er am Esstisch vor seiner Mutter, die dünn lächelte, während er am nächsten Morgen den Tresor öffnen wollte
Herzlos, schamlos, erbärmlich — diese familiäre Verachtung.
»Deine Vorfahren waren ein Haufen bettelarmer Habenichtse!« Florian Winter sagte es am Esstisch, direkt vor seiner Mutter, und machte sich nicht einmal die Mühe, leiser zu sprechen. »Und du tust immer noch so, als wären deine Bücher und dieses alte Familiensilber ein Schatz. Sei lieber dankbar, dass ich dich alte Frau überhaupt versorge.«
Ich sah erst ihn an, dann Johanna König. Sie saß neben ihrem Sohn, lächelte dünn und strich sich die Serviette auf den Knien glatt, als hätte er nicht gerade meine Familie beschimpft, sondern irgendeine lächerliche Anekdote über Nachbarn erzählt. Auf dem Tisch stand das silberne Tablett meiner Eltern. Daneben lag mein Handy. Und zwei Türen weiter, in meinem Arbeitszimmer, befand sich der Tresor mit dem Geld, das Florian am nächsten Morgen für sein neues Vorhaben an sich nehmen wollte.
Sechsundachtzigtausend Euro. In bar. Drei Monate lang hatte er auf mich eingeredet, ohne diese Summe platze ihm der Abschluss, mit ihr könne er den Umsatz endlich ankurbeln und wäre danach nicht mehr auf meine Konten angewiesen. An diesem Abend sollte ich die Unterlagen ein letztes Mal durchsehen und am Morgen den Tresor öffnen.
»Florian«, sagte ich ruhig, »du sprichst gerade über die Menschen, denen du es verdankst, dass du in dieser Wohnung sitzt und an diesem Tisch isst.«
Er schnaubte belustigt. »Da ist sie wieder, die Vorlesung. Mama, ich hab’s dir doch gesagt. Kaum erinnert man sie an die Wahrheit, stellt sie sich ans Rednerpult.«

Johanna König beugte sich ein wenig über den Tisch zu mir.
»Clara, nun tu bitte nicht so, als stündest du über allen anderen. Deine Eltern waren gebildete Leute, natürlich, das bestreitet niemand. Aber Geld brauchen die Lebenden. Dein Mann. Eure Familie. Und du hortest alles im Tresor, als würden wir bei dir um Almosen betteln.«
Diesen Ton kannte ich. Zuerst nannten sie mich eine kluge Frau. Danach erklärten sie mir, eine kluge Frau müsse nachgeben. Und am Ende bezahlte ich wieder irgendeine »vorübergehende Lücke« in Florians Geschäft: fürs Büro, fürs Auto, für Lieferantenschulden oder für eine seiner groß angekündigten Gelegenheiten.
Florian war dreiundfünfzig. Ich zweiundfünfzig. Johanna König fünfundsiebzig. Erwachsene Menschen also, die sehr genau wussten, was wem gehörte. Doch in den vergangenen Jahren hatten sie sich so sehr an mein Geld gewöhnt, dass sie darüber sprachen, als sei es eine gemeinsame Haushaltskasse, über die Florian verfügen durfte, während ich lediglich die Frau mit dem Code zum Tresor war.
»Du machst morgen früh den Tresor auf«, sagte Florian jetzt, ohne den spöttischen Unterton. »Um neun habe ich den Termin. Die Leute erwarten die Zahlung.«
»Nach dem, was du eben gesagt hast?«
»Was habe ich denn gesagt?« Er hob die Hände, als sei er unschuldig. »Dass du aufhören sollst, dich wie eine adelige Erbin aufzuführen? Das stimmt doch. Was hast du denn außer deinem Erbe? Bücher, alte Papiere und die Angewohnheit, auf alle herabzusehen.«
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