Johanna König sprang ihm sofort bei.
»Mein Sohn arbeitet, und du hängst dich an einzelnen Worten auf. Ein Mann kann sich im Ton vergreifen, wenn so viel Verantwortung auf ihm lastet.«
Mein Blick glitt zu seiner Uhr. Gekauft hatte er sie mit meiner Karte, kurz vor einem Treffen mit angeblichen Partnern, weil er »seriös wirken« müsse. Auch der Anzug war von meinem Geld bezahlt worden. Das Büro, in dem seine Angestellten noch im Frühjahr gesessen hatten, hatte sich zwei Monate lang nur durch meine Überweisungen gehalten. Florian nannte es familiäre Unterstützung. In Gedanken nannte ich es immer häufiger das Füttern fremder Selbstüberschätzung.
»Verantwortung beginnt damit«, sagte ich, »dass jemand sein eigenes Geld riskiert.«
Da verschwand sein Lächeln.
»Fang nicht damit an. Das Geld im Tresor ist für das Projekt vorgesehen. Das haben wir längst besprochen.«
»Wir haben über einen Darlehensvertrag gesprochen. Über einen Rückzahlungsplan und eine Sicherheit. Du wolltest nichts unterschreiben.«
»Weil ich mir von meiner Ehefrau kein Geld gegen Quittung leihe wie ein Fremder.«
»Aber die Familie deiner Ehefrau vor deiner Mutter zu beleidigen, das kannst du wie ein ganz naher Angehöriger?«
Er stieß seinen Teller ruckartig von sich weg.
»Clara, hör auf mit diesen Wortspielchen. Morgen öffnest du den Tresor, ich nehme die Summe mit, bringe den Einstieg in den Abschluss unter Dach und Fach, und in einem Monat können wir alle wieder ruhig schlafen. Es liegt auch in deinem Interesse, dass ich endlich auf die Beine komme.«
Johanna König nahm den Faden sofort auf.
»Natürlich liegt es in ihrem Interesse. Stattdessen sitzt sie auf ihrem Erbe wie ein Wachhund. Eine Frau muss ihrem Mann beistehen, besonders wenn er kein junger Bursche mehr ist und sich noch einmal richtig festigen muss.«
In diesem Moment begriff ich, dass sie von nun an zu zweit Druck machen würden.
Sie baten nicht mehr, sie gingen bereits davon aus, dass alles entschieden war. Mein Widerspruch war für sie nur noch eine kleine Störung, die man mit genügend Lautstärke aus dem Weg räumen konnte.
Ich schob den Stuhl zurück und stand auf. Florian Winter hob sofort den Kopf.
»Wohin gehst du?«
»Ins Arbeitszimmer.«
»Fang jetzt bloß nicht mit irgendeinem Theater an«, warf er mir nach. »Und komm mir nicht wieder mit deinen Unterlagen. Ich sitze hier nicht in einer Prüfung.«
»Doch, Florian. Genau diese Prüfung hast du soeben abgelegt.«
Auf seine Antwort wartete ich nicht. In meinem Arbeitszimmer stand der schwere Tresor, den mein Vater früher für wichtige Papiere hatte einbauen lassen. Nach der Erbschaft hatte ich das Schloss auf ein digitales System umrüsten lassen, Florian aber lange genug in dem Glauben gelassen, er könne im Ernstfall alles bekommen, worum er bat. Darin lagen notarielle Dokumente, der Ehevertrag, Kontoauszüge und ein Umschlag mit der Aufschrift: »F. Projekt. Erst nach unterschriebener Vereinbarung.«
Diese Notiz hatte ich vor einer Woche selbst daraufgeschrieben, nachdem Florian zum dritten Mal abgelehnt hatte, einen Darlehensvertrag zu unterschreiben. Damals hatte ich noch versucht, irgendeinen Mittelweg zu finden. Er behauptete, ich demütige ihn mit meinem Misstrauen. Ich hielt dagegen, dass 86.000 Euro ohne schriftliche Absicherung keine Hilfe innerhalb der Familie seien, sondern schlichte Dummheit. An genau diesem Punkt war jedes Gespräch zwischen uns versandet.