Sie kam, wie immer, ohne vorher anzurufen. Mit zwei Taschen und einer Liste von Vorwürfen im Gepäck. Und sie traf Laura dabei an, wie sie ihren Koffer packte. Einen kleinen, ordentlichen Koffer mit einem Anhänger der Fluggesellschaft.

„Was soll das denn sein?“, fragte die Schwiegermutter bereits von der Tür aus.

„Ein Koffer“, antwortete Laura, ohne sich umzudrehen.

„Ich sehe selbst, dass das ein Koffer ist! Wo willst du denn hin?“

Laura faltete ein dünnes Sommerkleid sorgfältig zusammen und legte eine Tube Sonnencreme obenauf.

„In den Urlaub.“

Stefanie Baumann trat ganz in den Raum. Sie war eine dieser Frauen, die mit ihrer bloßen Anwesenheit jede Ecke besetzten: laut, groß, raumgreifend. Wenn sie irgendwo stand, blieb für andere kaum noch Platz.

„Maximilian!“, rief sie durch die Wohnung. „Maximilian Schmitt, komm sofort her!“

Maximilian erschien im Türrahmen mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, den man zu einer Hinrichtung bestellt hatte, der aber noch nicht wusste, wessen.

„Mama, bitte …“

„Sie fährt weg!“ Stefanie deutete auf den Koffer, als handle es sich dabei um ein Beweisstück vor Gericht. „Nach allem, was wir ihr gesagt haben!“

Laura zog den Reißverschluss zu. Dann richtete sie sich auf und sah ihre Schwiegermutter an. Ruhig. Gerade. Ohne den kleinsten Anflug von Entschuldigung in den Augen.

„Stefanie Baumann“, sagte sie mit fester Stimme, „ich habe die Tickets im Februar gekauft. Mein Urlaub ist genehmigt. Übermorgen fahre ich.“

„Du fährst nirgendwohin!“

„Doch.“

Dieses eine kurze Wort blieb im Zimmer hängen. Es hatte ein Gewicht, mit dem offenbar niemand gerechnet hatte. Sogar Stefanie verstummte für einen Moment. Vielleicht hörte sie selbst, dass in Lauras Stimme etwas Neues lag. Etwas, das früher nicht da gewesen war.

Maximilian starrte seine Frau an, als sähe er sie zum ersten Mal.

Äußerlich war sie dieselbe: kastanienbraunes Haar, zum Pferdeschwanz gebunden, graue Augen, der vertraute hellblaue Pullover. Und doch war etwas anders. Die Art, wie sie dastand. Wie gerade sie den Rücken hielt. Wie sie seiner Mutter begegnete, ohne sofort beschwichtigen, sich rechtfertigen oder nachgeben zu wollen.

Auch Stefanie bemerkte diese Veränderung. Und genau das brachte sie noch mehr in Rage.

„Aha“, sagte sie langsam und mit schneidender Betonung. „Die Familie ist dir also völlig egal. Dein Mann bleibt hier, und du vergnügst dich irgendwo am Strand.“

„Maximilian fährt ins Wochenendhaus“, erwiderte Laura sachlich. „Er ist erwachsen. Ich ebenfalls.“

„Jetzt bin ich also schuld, ja? Ich zwinge dich dazu, oder was?“

„Ich habe niemandem die Schuld gegeben.“

„Maximilian, hörst du das? Hörst du, in welchem Ton sie mit mir spricht?“

Maximilian öffnete den Mund. Dann schloss er ihn wieder. Schließlich rieb er sich über den Hinterkopf. Diese Bewegung kannte Laura auswendig. Sie bedeutete nur eines: Er würde nichts entscheiden. Er würde warten, bis sich die Lage irgendwie von selbst beruhigte.

Laura nahm den Koffer am Griff und stellte ihn in den Flur.

Vierzig Minuten später waren sie fort, Mutter und Sohn. Kaum fiel die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss, veränderte sich die Wohnung. Sie wurde still. Friedlich. Wieder ihre eigene. Laura ging langsam durch die Zimmer, öffnete ein Fenster und setzte den Wasserkocher auf. Dann setzte sie sich auf die Fensterbank, zog die Knie an den Körper und blickte hinaus auf die Straße.