Übermorgen würde sie fliegen. Seltsam, das zu begreifen. Es fühlte sich weder aufregend noch beängstigend an. Eher schlicht und klar. Als hätte sie endlich etwas getan, das schon lange fällig gewesen war, und wartete nun darauf, was als Nächstes kam.

Zwei Stunden lang blieb ihr Handy stumm. Dann erschien eine Nachricht von Maximilian: Mama ist sehr verletzt.

Laura las den Satz. Antworten tat sie nicht.

Am folgenden Tag traf sie sich mit Mia Lehmann in einem Einkaufszentrum. Sie brauchte noch einen Badeanzug; ihr alter war unauffindbar. Laura hatte den Verdacht, dass Stefanie Baumann bei einem ihrer unangekündigten Besuche wieder einmal auf geheimnisvolle Weise „geholfen“ hatte, etwas verschwinden zu lassen. Mit Lauras Lieblingstasse war das schon passiert. Und mit einer französischen Handcreme ebenfalls.

Sie schlenderten zwischen den Regalen hindurch. Mia setzte nacheinander Hüte auf, betrachtete sich im Spiegel und kommentierte jeden einzelnen laut, fröhlich und völlig unbefangen. Laura sah ihr zu und dachte: So sieht jemand aus, der einfach lebt. Ohne diese dauernde innere Stimme, die fragt: Was, wenn du jemanden kränkst? Was, wenn du dich irrst? Was, wenn du kein Recht dazu hast?

„Also morgen“, sagte Mia und zog sich einen riesigen Strohhut tief in die Stirn. „Taxi um halb sieben. Verschlaf bloß nicht.“

„Werde ich nicht.“

„Und das Handy sofort in den Flugmodus. Damit sie gar nicht erst durchkommt.“

Laura musste lächeln. Sie waren schon auf dem Weg aus dem Geschäft, Mia mit einer Tüte in der Hand, Laura mit einem neuen Badeanzug in Meeresgrün, als ihr Telefon klingelte. Eine unbekannte Nummer. Vorwahl aus Berlin.

Eigentlich nahm sie nur aus Gewohnheit ab.

„Spreche ich mit Frau Laura Hartmann?“ Die Stimme klang amtlich, trocken, weiblich.

„Ja.“

„Mein Name ist Nora Schulz, ich bin die Assistentin des Notars Ulrich Wolf. Sie müssten morgen vor zwölf Uhr in unserer Kanzlei erscheinen. Es geht um die Nachlassangelegenheit von Frau Johanna Lorenz.“

Laura blieb mitten im Gang stehen. Mia lief ihr von hinten beinahe in die Fersen, sagte noch etwas, sah dann Lauras Gesicht und schwieg.

„Von welcher Johanna Lorenz sprechen Sie?“, fragte Laura.

„Von Frau Johanna Lorenz. Sie sind in ihrem Testament als Erbin eingesetzt. Alles Weitere kann nur persönlich besprochen werden.“

Johanna Lorenz. Laura hatte diesen Namen seit sieben, vielleicht sogar acht Jahren nicht mehr gehört. Eine Großtante zweiten Grades mütterlicherseits, eine jener Verwandten, die irgendwo am äußersten Rand der Familienkarte existierten. Als Kind hatte Laura sie ein paar Mal gesehen. Später war die alte Dame in die Gegend von Dresden gezogen, und der Kontakt war irgendwann einfach versandet.

„Was ist los?“, fragte Mia leise.

Laura erzählte ihr knapp, was die Frau am Telefon gesagt hatte. Mia hörte ernst zu und nahm dabei sogar den albernen Strohhut ab.

„Fährst du hin?“

„Mein Flug geht morgen um zehn.“

„Laura.“ Mia sah sie eindringlich an. „Ein Erbe ist nichts, was man einfach liegen lässt.“

Sie standen mitten im Einkaufszentrum. Um sie herum schoben Menschen Kinderwagen, trugen Einkaufstaschen, lachten, telefonierten. Aus den Lautsprechern dudelte irgendein sommerlicher Popsong. Und Laura dachte: Kaum fasst man endlich den Entschluss, etwas nur für sich selbst zu tun, stellt einem das Leben sofort die nächste Kurve in den Weg.