„Ich gehe morgen früh hin“, sagte sie schließlich. „Der Notar will mich vor zwölf sehen. Wenn es schnell geht, nehme ich direkt von dort ein Taxi zum Flughafen.“
Mia musterte sie lange.
„Dann komme ich mit. Zum Notar.“
Die Kanzlei befand sich in einem alten Gebäude im Zentrum: hohe Decken, schwere Vorhänge, dunkles Holz, und überall dieser Geruch nach Papier, Staub und vergangener Zeit. Im Vorzimmer wurde ihnen die Assistentin vorgestellt: Nora Schulz.
Nora Schulz erwies sich als eine Frau um die fünfzig, mit kerzengeradem Rücken und einer Brille, die an einer feinen Kette vor ihrer Bluse hing.
Der Notar, Ulrich Wolf, war ein älterer Mann mit ruhigen Bewegungen und einer Stimme, die nichts überstürzte. Er legte die Unterlagen ordentlich vor sich aus, strich mit der Handkante über den Stapel und begann vorzulesen. Laura Hartmann hörte ihm zu, und mit jedem Satz verschob sich in ihr etwas, als würde jemand einen längst verklemmten Riegel lösen.
Johanna Lorenz war vor drei Wochen gestorben. Still, in ihrer eigenen Wohnung, zwischen Büchern, alten Sesseln und den Katzen, die sie bis zuletzt um sich gehabt hatte. Ihr Testament hatte sie bereits vor vier Jahren aufsetzen lassen. Und darin stand Lauras Name.
Eine Zweizimmerwohnung im Zentrum der Stadt. Nicht irgendwo weit entfernt, sondern hier, in der Hauptstadt, in genau jenem alten Haus, in dem Johanna Lorenz selbst ihre Kindheit verbracht hatte. Diese Wohnung hatte sie ihr ganzes Leben lang bewahrt, als wäre sie mehr als nur ein Besitz.
„Sie waren ihre liebste Großnichte“, sagte der Notar und nahm die Brille ab. „Sie sagte einmal, Sie hätten gütige Augen. Das waren ihre eigenen Worte.“
Laura brauchte einen Moment, bis sie überhaupt begriff, dass eine Antwort von ihr erwartet wurde. Neben ihr schwieg Mia Lehmann. Und dass Mia schwieg, war an sich schon beinahe ein Ereignis.
„Die Erbschaft muss innerhalb von sechs Monaten angenommen werden“, fuhr Ulrich Wolf sachlich fort. „Heute unterschreiben Sie zunächst die Erklärung. Alles Weitere regeln wir nach Ihrer Rückkehr. Fahren Sie ruhig in den Urlaub, Frau Hartmann. Diese Angelegenheiten laufen Ihnen nicht davon.“
Draußen schlug ihnen die Hitze entgegen. Tauben trippelten über die Pflastersteine, irgendwo hinter der Ecke quietschte eine Straßenbahn in die Kurve.
„Laura“, sagte Mia leise, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren. „Ist dir klar, was das bedeutet?“
Laura blieb nicht stehen, aber sie wusste es. Eine eigene Wohnung. Nicht eine, die ihr und Maximilian gehörte. Nicht die seiner Mutter. Nicht etwas Geliehenes, Geduldetes oder an Bedingungen Geknüpftes. Ihre. Etwas, das sie nie gehabt hatte.
In ihrer Tasche vibrierte das Handy. Maximilian. Laura warf einen Blick auf den Bildschirm, ließ es klingeln und schob das Telefon zurück.
„Taxi zum Flughafen“, sagte sie zu Mia. „Wir müssen los.“
Mia packte sie am Handgelenk und brach in lautes Lachen aus, mitten auf dem Bürgersteig, ohne Rücksicht auf die Leute um sie herum. Und Laura lachte mit. Zum ersten Mal seit einer sehr, sehr langen Zeit.