Doch das Entscheidende stand noch bevor. Maximilian wusste von alledem nichts. Und Stefanie Baumann erst recht nicht.
Das Meer sah Laura am zweiten Tag.
Der erste war vergangen mit Ankommen, Einchecken, einem endlos langen Duschbad und einem Abendessen direkt am Wasser. Es war ein schlichtes Essen gewesen, ohne große Reden. Sie und Mia saßen an einem kleinen Tisch unter einer Markise, aßen irgendetwas mit Garnelen, tranken kalten Weißwein, und irgendwann merkte Laura, dass sie an nichts dachte. Nicht an Maximilian. Nicht an Stefanie Baumann. Nicht an die Wohnung, nicht an das Testament, nicht an die Sätze, die noch gesprochen werden mussten. Sie saß einfach da. Atmete. Ließ den Abend sein, wie er war: warm, salzig, fremd und auf eine seltsame Weise trotzdem vertraut.
„Wann hast du zuletzt einfach so dagesessen?“ fragte Mia.
Laura überlegte.
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Eben.“
Danach sagten sie nichts mehr darüber.
Ihr Handy schaltete Laura nur einmal am Tag ein, morgens, für ein paar Minuten. Von Maximilian hatten sich zahlreiche Nachrichten angesammelt. Zuerst klangen sie knapp und kontrolliert, dann verletzt, dann wieder kühl und sachlich. Stefanie Baumann schrieb nur ein einziges Mal, dafür in einem langen Block, fast ausschließlich in Großbuchstaben und ohne erkennbare Satzzeichen. Laura las bis zur Hälfte und schloss die Nachricht.
Am fünften Tag kam eine andere Mitteilung. Die Nummer kannte sie nicht, doch der Ton verriet den Ursprung sofort. Zu glatt, zu korrekt, zu sehr nach sorgfältig zurechtgelegten Formulierungen, als dass Maximilian sie allein geschrieben haben konnte. Stefanie Baumann hatte ihm diese Worte ganz offensichtlich diktiert.
Maximilian leidet sehr. Du zerstörst eure Familie. Denk daran, was die Leute sagen werden.
Laura legte das Telefon neben sich in den Sand. Vor ihr rollte eine Welle heran, brach flach aus und zog sich wieder zurück. Auf dem nassen Ufer blieb ein schmaler weißer Schaumrand liegen.
Was die Leute sagen werden.
Sie hatte sieben Jahre damit verbracht, genau darüber nachzudenken. Sieben Jahre lang hatte sie sich selbst in eine Form gepresst, die anderen passte: leise, nachgiebig, vernünftig, bequem. Und trotzdem war es nie genug gewesen. Immer hatte sich etwas gefunden. Das Essen war nicht richtig, der Besuch unpassend, die Freundin verdächtig, die Fahrt unnötig, selbst ihr Schweigen konnte falsch sein. Manchmal hatte sie das Gefühl gehabt, sie atme schon auf eine Art, die jemandem missfiel.
Diesmal schrieb sie Maximilian von sich aus.
Wir müssen reden. Wirklich reden. Wenn ich zurück bin.
Eine Stunde später kam seine Antwort.
Gut.
Nur dieses eine Wort. Laura konnte nicht sagen, ob darin mehr Zustimmung lag oder Angst.
Am Sonntagabend kehrte sie nach Hause zurück. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt, der Koffer leicht, und in ihrem Kopf herrschte eine Klarheit, die sie fast ungewohnt fand. Mia fuhr sie bis vor den Eingang, stieg mit aus und umarmte sie fest. Ohne Ratschläge, ohne Fragen, ohne das Bedürfnis, noch etwas Großes zu sagen.