Geschichte
„Unersetzlich also“, sagte sie bitter, als Bergmann den neuen Senior Manager vorstellte

„Unersetzlich also“, sagte sie bitter, als Bergmann den neuen Senior Manager vorstellte

Ungerecht, demütigend, dennoch unerschütterlich stolz.

577 Leser 8 Seiten ~4 Min.

– Sophie, kommen Sie bitte kurz zu mir.

Michael Bergmann sagte es, ohne den Blick vom Handy zu heben. Nicht einmal ein flüchtiges Aufsehen. Ich stand auf, zog mein Jackett glatt und ging in Richtung seines Büros. Auf dem Flur hing der Geruch des Automatenkaffees in der Luft – bitter, zu dunkel geröstet, genau wie immer kurz vor der Mittagspause.

In seinem Zimmer saß ein junger Mann. Schmale Krawatte, Smartwatch am Handgelenk, Anzug wie frisch aus der Auslage. Sechsundzwanzig vielleicht, höchstens siebenundzwanzig. Ich hatte ihn noch nie gesehen.

– Machen Sie sich bekannt, – Michael Bergmann lehnte sich in seinem Sessel zurück und tippte mit dem Kugelschreiber auf die Tischplatte. – Leon Werner, unser neuer Senior Manager für Ausschreibungen. Sie bringen ihn doch auf den Stand, oder? Niemand kennt die Abteilung besser als Sie.

Senior Manager für Ausschreibungen. Genau diese Position war mir viermal zugesagt worden. Das erste Mal vor neun Jahren, nachdem ich den Vertrag mit der RheinBeschaffung GmbH abgeschlossen hatte. Das zweite Mal zwei Jahre später, nach der Umstrukturierung. Das dritte Mal, als ich im November die Lieferung für Granitbau rettete – drei Tage, bevor Vertragsstrafen fällig geworden wären. Und das vierte Mal im Januar. „Im nächsten Quartal, Sophie, ganz sicher.“

Leon erhob sich und streckte mir die Hand entgegen. Seine Handfläche war trocken, der Händedruck fest, einstudiert. Man merkte ihm an, dass er überzeugt war, diesen Platz verdient zu haben.

– Sehr erfreut, – sagte er. Seine Stimme klang selbstsicher, für das kleine Büro einen Tick zu laut. – Herr Bergmann hat viel von Ihnen erzählt. Er sagt, ohne Sie läuft hier gar nichts.

Ich nahm die Brille von der Kette, klappte die Bügel zusammen und sah Michael Bergmann an. Er drehte den Stift zwischen den Fingern und schaute mit großer Konzentration irgendwo an mir vorbei – zum Fenster, zum Kalender, egal wohin, nur nicht zu mir.

– Unersetzlich also, – wiederholte ich. – Verstehe.

Draußen im Flur fiel eine Tür ins Schloss. Jemand von den Frauen aus der Buchhaltung lachte hell und ausgelassen. Ein ganz normaler Arbeitstag. Für alle außer mir.

In der Abteilung wusste längst jeder, wer Leon Werner war. Die Verbindung zu Michael Bergmann war kein Geheimnis: sein Neffe, der Sohn seiner älteren Schwester. Ein Managementabschluss, ein halbes Jahr Praktikum bei einer Logistikfirma – und jetzt Senior Manager. Zuständig für neun Verträge mit einem Gesamtvolumen von knapp vierzig Millionen Euro im Jahr.

Vor drei Jahren war ich zu Michael Bergmann gegangen und hatte diese Stelle offen angesprochen. Ich brachte ihm einen Bericht mit: Kennzahlen, Umsätze meiner Kunden, Entwicklung über fünf Jahre. Er blätterte darin, nickte ein paarmal und sagte: „Sophie, ich sehe das alles. Aber gerade läuft die Umstrukturierung. Geben Sie mir ein halbes Jahr.“ Nach sechs Monaten stand ich wieder bei ihm. Diesmal hieß es: „Das Budget ist noch nicht freigegeben.“ Ein weiteres Jahr später beantragte ich die Versetzung in eine andere Abteilung, weil ich dachte, vielleicht würde man mich dort endlich bewerten, wie es meiner Arbeit entsprach. Michael Bergmann blockierte den Wechsel. Er kam an meinen Schreibtisch, setzte sich auf die Kante und sagte: „Sophie, ich brauche Sie hier. Ohne Sie bleiben die Ausschreibungen liegen. Halten Sie noch ein bisschen durch, ich regle das.“ Und ich hielt durch. Wegen der Hypothek. Wegen des Teams, das mir vertraut war. Weil man mit fünfundvierzig nicht einfach bei null anfangen will.

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