Dreizehn Jahre lang hatte ich diese Verträge getragen. Ich fand die Auftraggeber selbst, führte die Verhandlungen selbst, baute die Lieferketten selbst auf. Die Hälfte der Kunden rief nicht im Büro an, sondern direkt auf meinem privaten Handy. So war es einfacher. Wenn um acht Uhr abends eine Lieferung zu platzen drohte, wartete niemand bis zum nächsten Morgen.

Michael Bergmann wartete, bis Leon den Raum verlassen hatte, dann senkte er die Stimme und rückte näher. Von ihm ging der Geruch seines Rasierwassers aus – herb, süßlich, vertraut. Dreizehn Jahre lang kannte ich diesen Duft.

– Sophie, jetzt machen Sie doch kein Gesicht. Wir gehören doch zusammen. Meine Schwester hat mich darum gebeten – was hätte ich denn tun sollen, meiner eigenen Schwester absagen? Der Junge ist fähig, Abschluss mit Auszeichnung. Er schafft das. Und Sie brauche ich an meiner Seite. Zeigen Sie ihm alles, einen Monat, vielleicht zwei, dann läuft er von allein.

Ich saß auf dem Besucherstuhl. Hart, mit abgewetztem Bezug. Dreizehn Jahre hatte ich auf diesem Stuhl gesessen – bei Besprechungen, bei Auswertungen, bei Versprechen.

– Und was ist mit mir? – fragte ich.

Er stockte. Dann öffnete er den obersten Knopf seines Hemdes.

– Das bekommen wir hin. Sie wissen doch, wie sehr ich Sie schätze. Ohne Sie geht hier überhaupt nichts.

Vier Zusagen. Und jetzt: „Das bekommen wir hin.“

– Gut, – sagte ich. – Dann halten wir bitte fest, was genau ich ihm zeigen soll. Schriftlich.

Michael Bergmann verzog das Gesicht.

– Wozu denn diese Förmlichkeiten, Sophie? Wir sind doch keine Fremden.

Keine Fremden. Menschen, die den Neffen auf den Platz setzen, der einem anderen versprochen war, und dabei erwarten, dass man freundlich lächelt.

Ich nickte und ging hinaus. An meinem Schreibtisch öffnete ich den Ordner „Verträge“ – neun Namen, neun Geschichten, neun Lieferketten, die ich aus dem Nichts aufgebaut hatte. Zu jedem Vertrag gehörten meine Notizen: Wer entscheidet tatsächlich? Was reizt den Kunden? Welchen Rabatt erwartet er? Zu welcher Uhrzeit erreicht man ihn am besten? Nichts davon stand im CRM-System. Es befand sich in meinen Tabellen und in meinem Kopf.

Vor einem halben Jahr hatte ich meine Hypothek abbezahlt. Vorzeitig, mit der Prämie für Granitbau. Zwölf Jahre lang hatte ich überwiesen, Monat für Monat, und dann war es plötzlich vorbei. Damals hatte ich gedacht: Jetzt kannst du endlich aufatmen. Jetzt beginnt die Sicherheit.

Doch diese Sicherheit saß nun in Michael Bergmanns Büro, trug eine schmale Krawatte und eine Smartwatch.

Ich schloss den Ordner. Dann öffnete ich ihn wieder. Ich rechnete noch einmal nach: neun Verträge, einundvierzig Millionen dreihunderttausend Euro im vergangenen Jahr. Meine Verträge.

Nicht die der Firma. Meine.

Leon begann mit einer Umstellung der Möbel. Den Schreibtisch schob er ans Fenster – „dort ist das Licht besser“. Den Bildschirmschoner ersetzte er durch das Logo irgendeines Business-Kurses. Und am dritten Tag führte er ein neues Format für die Berichterstattung ein.

– Das alte System ist ineffizient, – erklärte er in einer kurzen Teambesprechung.