An einem kühlen Abend im Oktober setzte Julia Möller sich an den Computer, um die laufenden Nebenkosten zu bezahlen. Sie öffnete das Onlinebanking, gab wie gewohnt ihr Passwort ein und wartete. Statt der Übersicht erschien eine Fehlermeldung. Zugriff verweigert.

Sie runzelte die Stirn, kontrollierte die Tastatur und versuchte es erneut. Wieder dasselbe. Langsam tippte sie das Passwort ein, Buchstabe für Buchstabe, sorgfältig, ohne sich zu vertun. Die Meldung blieb.

Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in ihrer Brust aus. Julia Möller griff nach ihrem Handy, öffnete die App der Bank und gab dort ihre Zugangsdaten ein. Auch hier kam sie nicht hinein. Sie versuchte, den Zugang per SMS-Code wiederherzustellen, doch keine Nachricht traf ein. In diesem Moment wurde ihr klar, dass die Daten nicht einfach nicht funktionierten. Jemand hatte sie geändert.

Alexander Braun saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und sah sich irgendeine Serie an. Julia Möller ging zu ihm hinüber und blieb neben der Couch stehen, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Alexander, ich komme nicht mehr in die Banking-App. Das Passwort funktioniert nicht.“

Er wandte nicht einmal den Kopf. Sein Blick blieb auf den Bildschirm gerichtet.

„Und?“

„Was heißt denn und? Ich muss die Nebenkosten überweisen. Weißt du etwas darüber?“

Er drehte sich langsam zu ihr um. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der beinahe gelangweilt wirkte.

„Ja. Ich habe das Passwort geändert.“

Für einen Moment blieb Julia Möller reglos stehen. Die Worte kamen bei ihr an, aber sie brauchte einige Sekunden, um ihre Bedeutung wirklich zu begreifen.

„Du hast es geändert? Warum?“

„Weil du ja jetzt dein eigenes kleines Geld verdienst“, sagte Alexander Braun ruhig, als spräche er über das Wetter. „Dann sieh auch zu, wie du zurechtkommst. Ab sofort kümmere ich mich selbst darum, was mit dem Geld passiert.“

Julia Möller sah ihn an, ohne sofort eine Antwort zu finden. In ihr zog sich etwas zusammen, langsam und schmerzhaft, als würde Kälte durch ihren Körper kriechen. Sie schrie nicht. Sie weinte nicht. Was sie spürte, war viel schlimmer: ein klares, eisiges Begreifen. Alexander Braun hatte ihr den Zugang zum gemeinsamen Konto gesperrt. Einfach so. Ohne Gespräch. Ohne Vorwarnung. Ohne auch nur so zu tun, als müsse er sie fragen.

„Das ist dein Ernst?“, brachte sie schließlich hervor.

„Völlig“, erwiderte er und richtete den Blick wieder auf den Fernseher. „Du wolltest unabhängig sein. Dann lebe auch unabhängig. Von deinem eigenen Geld.“

Julia Möller drehte sich um und ging in die Küche. Ihre Hände zitterten, ihr Atem ging unruhig. Sie setzte sich auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. Ein einziger Gedanke hämmerte in ihr: Wie konnte er es wagen? Wie konnte man einem Menschen, mit dem man zusammenlebte, so etwas antun?

Ihr erster Impuls war, zurückzugehen und einen Streit vom Zaun zu brechen. Sie wollte ihn anschreien, Antworten verlangen, ihn zwingen, den Zugang sofort wieder freizugeben. Doch sie hielt sich zurück. Laut zu werden würde nichts ändern. Alexander Braun war nicht jemand, der unter dem Druck von Emotionen nachgab. Er würde sich rechtfertigen, die Sache verdrehen, ihr am Ende noch Undankbarkeit vorwerfen.