Julia Möller stand auf und trat ans Fenster. Draußen fiel feiner Regen. Die Lichter der Straßenlaternen verschwammen auf dem nassen Asphalt, Autos zogen als helle Streifen vorbei. Die Stadt lebte weiter, gleichgültig und lautlos hinter der Scheibe. Irgendwo dort draußen gab es Menschen, dachte sie, die sich so nicht behandeln ließen. Menschen, die nicht zuließen, dass man sie zu willenlosen Ausführenden fremder Entscheidungen machte.
Sie nahm ihr Telefon und öffnete die Kontaktliste. Nach kurzem Suchen fand sie den Namen ihrer Freundin Sophie Lang, die sie seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. Alexander Braun hatte diese Freundschaft nie gemocht. Er behauptete, Sophie Lang habe einen schlechten Einfluss auf sie. Julia Möller schrieb eine Nachricht, löschte sie, formulierte sie neu und schickte sie schließlich ab. Sie bat um ein Treffen am nächsten Tag und schrieb nur, dass sie reden müsse.
Die Antwort kam fast sofort. Sophie Lang sagte zu und schlug ein kleines Café in der Nähe einer U-Bahn-Station vor. Julia Möller atmete zum ersten Mal an diesem Abend etwas freier. Wenigstens gab es jemanden, dem sie erzählen konnte, was geschah. Jemanden, der von außen auf die Situation sehen würde.
Der Rest des Abends verging in schwerem Schweigen. Alexander Braun blieb vor dem Fernseher sitzen. Julia Möller zog sich ins Schlafzimmer zurück und wischte auf ihrem Handy durch Seiten, ohne ein einziges Wort wirklich aufzunehmen. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um dieselbe Frage: Was nun? Sollte sie sich fügen? Sollte sie die neuen Regeln akzeptieren, nach denen ihr Mann allein über das Geld bestimmte? Oder musste sie einen Weg finden, sich dagegenzustellen?
Als Alexander Braun später schlafen ging, saß Julia Möller noch lange in der Küche. Sie blickte hinaus in die Dunkelheit, während in ihr etwas wuchs, langsam, aber unaufhaltsam. Es war, als sei eine innere Tür ins Schloss gefallen. Dieses Leben durfte so nicht weitergehen. Alexander Braun hatte eine Grenze überschritten, und nun musste sie handeln.
Noch wusste Julia Möller nicht, welchen Schritt sie als Nächstes gehen würde. Nur eines stand für sie fest.
Eine Rückkehr in die alte Nachgiebigkeit kam für sie nicht mehr infrage. Alexander Braun mochte glauben, er habe gesiegt. Er durfte sich einbilden, im Recht zu sein. Doch diese Auseinandersetzung war noch lange nicht vorbei.
Am nächsten Morgen stand Julia Möller früher auf als sonst. Alexander schlief noch, als sie sich lautlos anzog, die Wohnung verließ und die Tür behutsam hinter sich zuzog. Draußen empfing sie kühle Herbstluft, klar und belebend. Mit schnellen Schritten ging sie zur nächstgelegenen Bankfiliale, die um neun Uhr öffnete. In der Nacht hatte sich ihr Entschluss geformt — nüchtern, eindeutig und ohne jedes Zögern.
In der Filiale war kaum Betrieb. Eine Mitarbeiterin hörte sich Julias Anliegen an und nickte sachlich. Ein eigenes Konto auf ihren Namen zu eröffnen, sei kein Problem, das dauere höchstens eine halbe Stunde. Julia füllte die Formulare aus, unterschrieb die Unterlagen und erhielt kurz darauf ihre neue Karte. Nun besaß sie ein Konto, auf das Alexander keinerlei Zugriff hatte.