Danach fuhr sie in das Studio, in dem sie arbeitete, und ging direkt in die Buchhaltung. Dort bat sie darum, die Bankverbindung für ihre Gehaltsüberweisung zu ändern. Die Buchhalterin, eine ältere Frau mit einem warmen, aufmerksamen Gesicht, sah sie prüfend an.

„Ist alles in Ordnung, Julia?“

Julia nickte und brachte ein kleines Lächeln zustande.

„Ja, alles gut. Ich wollte nur ein separates Konto haben.“

Die Frau stellte keine weiteren Fragen. Sie nahm den Antrag entgegen und versprach, dass das nächste Gehalt bereits auf die neue Bankverbindung überwiesen werde. Julia bedankte sich, verließ das Gebäude und hatte plötzlich das Gefühl, als sei eine schwere Last ein Stück von ihren Schultern gerutscht.

Zur Arbeit kam sie etwas zu spät, doch niemand schien es zu bemerken. Der Tag verging zwischen Terminen, Gesprächen und kleinen Aufgaben, und für einige Stunden gelang es Julia beinahe, den gestrigen Abend zu verdrängen. Beinahe. Als sie am Abend nach Hause ging, kamen Alexanders Worte wieder zurück, sein gleichgültiger Ton, mit dem er ihr die Änderung des Passworts mitgeteilt hatte. Es stach in ihr, aber es war kein hilfloser Schmerz mehr. Es war etwas Kühles, Festes, Entschlossenes.

Alexander empfing sie wie immer: Er saß auf dem Sofa, das Handy in der Hand, ohne auch nur den Blick zu heben. Julia ging in die Küche, wärmte sich etwas zu essen auf und aß schweigend. Nach einer halben Stunde kam er ebenfalls herein, nahm sich einen Teller und verschwand wieder ins Wohnzimmer. Kein Wort fiel. Die Stille hing schwer in der Wohnung, doch sie war ihnen inzwischen vertraut.

Eine Woche verging. Julia bewegte sich durch diese Tage, als lebe sie in einer zweiten Wirklichkeit. Morgens ging sie zur Arbeit, abends kehrte sie zurück und erledigte ihre Dinge. Alexander tat weiterhin so, als existiere sie kaum, überzeugt davon, dass alles nach seinen Vorstellungen lief. Nach und nach jedoch begannen ihm Kleinigkeiten aufzufallen.

Die Nebenkosten und laufenden Haushaltszahlungen, die früher Julia erledigt hatte, gingen plötzlich nicht mehr vom gemeinsamen Konto ab. Alexander öffnete die Banking-App, prüfte die Umsätze, scrollte durch die Liste — nichts. Seine Stirn legte sich in Falten, doch er stellte keine Frage. Später bemerkte er, dass im Kühlschrank nicht mehr das lag, was dort sonst immer zu finden gewesen war. Julia kaufte keine teuren Lebensmittel mehr, an die er sich gewöhnt hatte. Stattdessen standen dort einfache Dinge, knapp bemessen, gerade genug für einen Tag.

Nach zwei Wochen hielt Alexander es nicht mehr aus. Eines Abends, als Julia mit dem Laptop am Küchentisch saß, trat er in die Küche und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Aha. Du hast jetzt also deine eigenen Konten?“, fragte er mit einem spöttischen Unterton, der scharf klingen sollte, aber eher verkrampft wirkte.

Julia hob den Blick und sah ihn ruhig an.

„Ja. Habe ich.“

„Und du hältst das für besonders klug?“

„Ich halte es für fair. Du hast doch selbst gesagt, ich soll sehen, wie ich mit meinem eigenen Geld zurechtkomme. Genau das tue ich jetzt.“