
„Sag mal, was ist sie denn für sie?!“ warf Nora empört ein
Diese selbstgerechte Erwartung ist skandalös und verletzend.
— Meine Eltern haben uns doch längst alles ermöglicht, was man für ein gutes Leben braucht! Die Wohnung, das Auto, sogar dein Geschäft haben sie mitfinanziert! Und jetzt erwartest du, dass sie für deine Schwester dasselbe tun? Sag mal, was ist sie denn für sie?!
— Hör zu, mir ist da etwas eingefallen …
Lukas Winters Stimme klang viel zu heiter durch die Stille des Wohnzimmers und riss Nora Lorenz aus ihrer schläfrigen Benommenheit. Sie blätterte träge eine Seite des Hochglanzmagazins um, ohne den Blick wirklich von den bunten Bildern zu lösen.
Hinter den bodentiefen Panoramafenstern im zwanzigsten Stock begannen die Lichter der abendlichen Stadt aufzuleuchten — ein vertrauter, schöner und zugleich ferner Anblick, der längst zur Kulisse ihres bequemen, sorgfältig eingerichteten Lebens geworden war. In der Luft lag ein Hauch teuren Parfüms, vermischt mit dem Duft frisch aufgebrühten Kaffees.
— Hm? Worum geht es? — fragte Nora, ohne besondere Neugier zu zeigen.

Lukas ließ sich auf der Armlehne des Sofas nieder, auf dem seine Frau es sich gemütlich gemacht hatte. Er wirkte aufgeladen von dieser tatkräftigen, beinahe kindlichen Begeisterung, die immer dann in ihm aufstieg, wenn ihm wieder einmal eine seiner „brillanten“ Ideen gekommen war. Meist betrafen solche Einfälle sein kleines Unternehmen, das — wie so vieles in ihrem Leben — nur dank der Großzügigkeit von Noras Vater überhaupt existierte.
— Es geht um unsere Laura Hermann. Nächstes Jahr macht sie ihren Abschluss, dann beginnt für sie das richtige Erwachsenenleben. Es wäre gut, wenn deine Eltern ihr ein wenig unter die Arme greifen würden. Sie könnten sich um sie kümmern.
Nora hob den Blick vom Magazin und sah ihren Mann verständnislos an. Aus Lukas’ Mund klang das Wort „kümmern“ im Zusammenhang mit ihrem Vater — einem Mann, der ein großes Bauunternehmen leitete — seltsam, fast schon lächerlich.
— Unter die Arme greifen? Inwiefern? Soll er ihr einen Praktikumsplatz besorgen? Ich glaube kaum, dass Papa ablehnt, wenn sie ihn selbst darum bittet.
Lukas schnaubte nachsichtig, als hätte Nora gerade etwas furchtbar Naives gesagt und die einfachsten Zusammenhänge nicht begriffen.
— Nora, bitte, was denn für ein Praktikum? Ich rede von echter Hilfe. Von etwas Handfestem. Zuerst müsste man ihr eine Wohnung kaufen. Wenigstens ein kleines Apartment für den Anfang, damit sie aus dem Elternhaus ausziehen kann und einen eigenen Ort hat. Und um eine Stelle müsste man sich natürlich auch kümmern. Dein Vater kennt überall Leute, der könnte sie im Handumdrehen irgendwo bequem unterbringen. Für deine Eltern ist das doch eine Kleinigkeit.
Für einige Sekunden legte sich Schweigen über den Raum. Zuerst lachte Nora leise auf, weil sie glaubte, es müsse sich um einen besonders plumpen Scherz handeln. Doch als sie in Lukas’ Gesicht sah — in diesen vollkommen ernsten Ausdruck, in diese Erwartung, die er offenbar für völlig berechtigt hielt —, ließ sie das Magazin langsam auf ihren Schoß sinken. Ihr Lächeln erlosch. An seine Stelle trat ein kaltes, fassungsloses Staunen. Die teuren Möbel, das warme Licht der Lampe, die funkelnde Stadt hinter der Scheibe — plötzlich wirkte alles wie die Kulisse eines absurden Theaterstücks.
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