— Einen Moment, — sagte sie, und ihre Stimme wurde leiser, aber deutlich härter. — Verstehe ich dich richtig? Du schlägst allen Ernstes vor, dass meine Eltern deiner erwachsenen Schwester eine Wohnung kaufen und ihr auch noch eine Arbeitsstelle besorgen?

Er hörte nicht, welches Urteil bereits in dieser Frage lag. Für ihn klang es offenbar wie eine Einladung, die Einzelheiten weiter zu besprechen.

— Was soll daran merkwürdig sein? — fragte er und schien ehrlich überrascht über ihre Reaktion. — Wir sind doch eine Familie. Eine große Familie. Deine Eltern haben uns geholfen, und das war richtig so. Jetzt sollte man Laura helfen. Das ist doch logisch. Menschlich. Sie kann nach dem Studium schließlich nicht einfach auf der Straße stehen.

Logik — ja, genau dieses Wort benutzte er am liebsten.

In Lukas Winters Vorstellung ließ sich alles auf eine gerade Linie bringen. Hatte man ihm geholfen, dann musste man seiner Schwester ebenfalls helfen. Aus keinem anderen Grund als dem, dass sie angeblich alle „Familie“ waren. Nora Lorenz erhob sich langsam vom Sofa, legte die Zeitschrift auf die Glasplatte des Couchtisches und ging zum Fenster. Sie stellte sich mit dem Rücken zu ihrem Mann hin. Draußen flimmerten die Lichter der Stadt, doch vor ihrem inneren Auge sah sie nur sein Gesicht, verzerrt von dieser schlichten, dreisten Anspruchshaltung.

— Lukas, — sagte sie ruhig, fast zu ruhig, weil sie jedes Wort abwog, um nicht laut zu werden. — Als wir geheiratet haben, haben meine Eltern uns diese Wohnung geschenkt. Sie haben dir ein Auto gekauft, damit du bequem überall hinkommst. Mein Vater hat dir Geld gegeben, damit du deine Firma überhaupt gründen konntest, und bis heute fängt er mit seinen Kontakten vieles ab, was du selbst verbockst. Das alles war Hilfe für uns. Für unsere Familie. Erklär mir bitte, was deine Schwester Laura Hermann damit zu tun hat.

Auch er stand nun auf. In seiner Stimme lag zuerst Kränkung, dann immer deutlicher ein anklagender Ton.

— Was sie damit zu tun hat? Alles hat sie damit zu tun! Sie ist meine Schwester. Sie gehört zu meiner Familie, also gehört sie auch zu unserer. Nora, stell dich doch nicht so an. Für deine Eltern ist das nichts, ein Tropfen im Meer. Für Laura dagegen wäre es der Start in ein richtiges Leben. Oder willst du etwa nicht, dass es ihr gut geht?

Er machte einen Schritt auf sie zu, doch Nora hob die Hand und brachte ihn damit zum Stehen.

— Lukas, dieses Gespräch ist beendet. Das wird nicht passieren. Niemals.

Das Wort „niemals“ traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er erstarrte. Die freundliche Maske, die eben noch auf seinen Zügen gelegen hatte, rutschte ab; erst blieb ungläubiges Staunen zurück, dann schob sich ein harter, trotziger Zorn darüber. Vor ihr stand nicht mehr der gutherzige Ehemann, der für seine Schwester bat. Plötzlich wirkte er wie ein Kläger.

— Habe ich das richtig verstanden? Du weigerst dich, meiner Schwester zu helfen? — Er trat noch näher und drang damit in den schmalen Raum ein, der ihr am Fenster geblieben war. Aus seiner Stimme war jede Weichheit verschwunden; sie klang scharf, beinahe metallisch. — Damit hätte ich von dir wirklich nicht gerechnet. So viel Egoismus.