Nora drehte sich langsam zu ihm um. Die Spiegelungen der Stadtlichter lagen in ihren Pupillen und machten ihren Blick kühl, beinahe undurchdringlich.
— Das ist kein Egoismus, Lukas. Das ist gesunder Menschenverstand. Warum sollten meine Eltern, die mit dir nicht einmal verwandt sind, die Probleme deiner Familie lösen? Laura hat eigene Eltern. Und sie hat dich, ihren Bruder. Ihr seid diejenigen, die ihr helfen müssen.
Er schnaubte verächtlich und wischte ihre Worte mit einer Handbewegung fort, als hätte sie ihm eine lästige Fliege vor das Gesicht gesetzt. Seine Miene verzog sich zu einer Grimasse selbstgerechter Empörung.
— Meine Eltern? Was sollen die ihr denn geben? Die haben ihr ganzes Leben in der Fabrik geschuftet, ihre Rente reicht doch kaum für irgendwas! Und ich? Du weißt genau, dass meine Firma gerade erst anfängt, auf eigenen Beinen zu stehen. Deinen Eltern dagegen tut das nicht weh! Ein Fingerschnippen, mehr ist das für sie nicht. Für die ist eine Wohnung zu kaufen ungefähr so, als würdest du kurz zum Bäcker gehen. Sie könnten problemlos etwas abgeben, ohne auch nur im Geringsten ärmer zu werden!
In diesem Augenblick riss in Nora etwas. Dieser dünne Faden aus Geduld, den sie über Jahre hinweg gesponnen hatte, während sie seine Reden über Gerechtigkeit anhörte und gleichzeitig zusehen musste, wie selbstverständlich er die kostspieligen Geschenke ihrer Familie annahm.
All die Dankbarkeit, die er nie gezeigt hatte, seine ganze bequeme Erwartungshaltung, die sie bisher lieber übersehen wollte, verdichtete sich plötzlich in einem einzigen Satz: „Sie könnten problemlos etwas abgeben.“ Als ginge es nicht um ihre Eltern, sondern um irgendeinen namenlosen Fonds, dessen einziger Zweck darin bestand, seine Wünsche zu finanzieren.
— Meine Eltern haben für uns längst mehr getan, als irgendjemand verlangen dürfte, — sagte Nora, und nun bebte ihre Stimme nicht mehr vor Zurückhaltung, sondern vor mühsam gezügelter Wut.
Sie haben uns alles ermöglicht, was man für ein normales Leben braucht: die Wohnung, das Auto, sogar bei deinem Geschäft haben sie dir unter die Arme gegriffen. Und jetzt erwartest du allen Ernstes, dass sie dasselbe auch noch für deine Schwester tun? Sag mal, wer ist sie denn für sie?
Damit hatte sie den Kern ihres Streits ausgesprochen. Von diesem Moment an gab es kein Zurück mehr. Lukas Winter starrte sie an, als hätte sie plötzlich in einer fremden, verhassten Sprache zu ihm gesprochen.
— Ach, so ist das also, — zischte er. — Da kommt dein wahres Gesicht zum Vorschein! Man merkt sofort, aus welchem Haus du stammst. Ihr seid alle gleich: aufgeblasene Wohlstandsmenschen, die auf ihren Geldsäcken hocken und vor Geiz fast ersticken! Glaubst du, ich durchschaue das nicht? Für euch zählen Menschen doch nur, solange sie euch nützlich sind. Verwandtschaft, Familie — alles bloße Worte, wenn kein Vorteil dabei herausspringt!
Er lief im Zimmer hin und her, fuchtelte mit den Händen wie ein Schauspieler auf einer Bühne, und mit jedem Satz wurden seine Vorwürfe giftiger. Dabei schien er völlig vergessen zu haben, dass er mitten in jener Wohnung stand, die eben diese „Wohlstandsmenschen“ gekauft hatten. Er vergaß den Autoschlüssel, den er so selbstverständlich benutzte und der ebenfalls von ihnen gekommen war. Er vergaß, dass sein jetziges Leben, sein bequemes Auftreten als „Unternehmer“, zu einem großen Teil auf ihrer Hilfe aufgebaut war.