In seiner aufgewühlten Vorstellung war er der gerechte Rächer, eine Art moderner Robin Hood, der für Anstand und Ausgleich kämpfte, während Nora Lorenz und ihre Familie als habgierige Reiche dastanden, die nicht einmal bereit waren, ein paar Krümel von ihrem Tisch fallen zu lassen.
— Du lebst von ihrem Geld und merkst es nicht einmal! — fuhr er fort. — Du sitzt hier wie eine Prinzessin im Turm und hältst mir Vorträge über Vernunft. Aber ich weiß wenigstens, was Familie bedeutet. Familie heißt, füreinander einzustehen!
Nora sah ihn schweigend an. Die Wut, die eben noch heiß in ihr gebrannt hatte, erlosch. An ihre Stelle trat eine kalte, weit entfernte Ruhe. Vor ihr stand nicht mehr ihr Mann. Sie sah einen Fremden, der die Menschen beschmutzte, die ihr am nächsten waren, und das auf einem Boden, den genau diese Menschen ihm ermöglicht hatten.
— Es reicht, — sagte sie leise.
Doch Lukas Winter war noch nicht fertig. Seine Tirade brach erst ab, als ihm selbst die Luft ausging. Mit einem Ruck blieb er mitten im Raum stehen.
— Ich kann hier nicht länger bleiben, — stieß er hervor. — Nicht in dieser gierigen, verlogenen Atmosphäre. Ich gehe zu meinen Leuten. Zu normalen Menschen, die noch wissen, was Pflicht und Unterstützung bedeuten.
Er wandte sich um, marschierte entschlossen in den Flur und riss mit einer wütenden Bewegung seine Jacke vom Haken. Nora blieb stehen, wo sie war. Sie folgte ihm nicht, rief ihm nichts nach, versuchte nicht, ihn aufzuhalten. Sie hörte nur zu. Sie hörte, wie er grob in seine Schuhe schlüpfte, wie die Schlüssel in seiner Hand klirrten. Dann fiel die Wohnungstür mit einem scharfen, trockenen Knall ins Schloss. Dieses Geräusch klang endgültig, wie der Punkt am Ende eines langen, hässlich verzerrten Satzes.
Als das Schloss einrastete, wurde es in der Wohnung nicht stiller. Im Gegenteil. Plötzlich traten Geräusche hervor, die Nora vorher nie bewusst wahrgenommen hatte: das leise Summen des Weinkühlschranks aus der Küche, das kaum hörbare Rauschen der Lüftung, irgendwo draußen in der Ferne der gedämpfte Klang einer Sirene.
All das war immer dagewesen. Nur hatte Lukas Winters Stimme, seine Gegenwart, seine ganze Art, Raum einzunehmen, diese Geräusche überdeckt. Jetzt tauchten sie wieder auf, so wie in einem Zimmer die Umrisse der Möbel sichtbar werden, wenn ein grelles, störendes Licht endlich gelöscht wird.
Nora bewegte sich nicht. Sie stand am Fenster und betrachtete ihr eigenes Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Sie hatte erwartet, Kränkung zu spüren, vielleicht Schmerz oder sogar Verzweiflung. Doch nichts davon kam. Seine letzten Worte, vor allem dieses hämische „aufgeblasene Wohlstandsmenschen“, hatten gewirkt wie ein chirurgisches Instrument: ein einziger präziser Schnitt, der alles Überflüssige abtrennte. All die verschwommenen Erinnerungen, Gewohnheiten und Kompromisse, die sie bisher für Liebe gehalten hatte, fielen von ihr ab.
Zurück blieb nur eine klare, frostige Erkenntnis: In den vergangenen Jahren hatte sie nicht wirklich an der Seite eines Ehemanns gelebt.