Sondern mit einem dreisten, undankbaren Schmarotzer, der ihre Familie wie einen jederzeit verfügbaren Geldautomaten behandelt hatte.
Ohne Hast ging Nora Lorenz in ihre Arbeitsecke hinüber, einen schmalen Bereich, der nur durch ein Regal vom Wohnzimmer abgetrennt war. Sie setzte sich an den Schreibtisch und nahm ihr Handy zur Hand. Ihre Finger blieben vollkommen ruhig. In der Kontaktliste suchte sie die Nummer ihres Vaters heraus — jene Nummer, die sie in den letzten Jahren viel zu oft gewählt hatte, wenn es wieder einmal um Lukas Winters geschäftliche Angelegenheiten gegangen war. Dann drückte sie auf Anrufen.
— Hallo, Papa. Hast du kurz Zeit? — Ihre Stimme klang glatt und farblos, beinahe wie die einer Nachrichtensprecherin, die den Wetterbericht verliest.
— Nora, natürlich. Ist etwas passiert? — Auch jetzt war seine Stimme ruhig, aufmerksam, vertraut.
— Lukas Winter ist weg. Endgültig. — Sie verlor kein Wort an Erklärungen, denn dafür gab es nichts mehr zu erklären. — Er ist der Meinung, dass du und Mama seiner Schwester zum Start ins Leben eine Wohnung kaufen solltet. Und ihr außerdem eine gute Stelle besorgen müsst.
Am anderen Ende der Leitung trat für einige Sekunden völlige Stille ein.
Als Lukas Winter kurz darauf mit ihr sprach, war Noras Stimme noch immer unheimlich beherrscht. Kein Zorn schwang darin mit, keine Kränkung, nicht einmal ein Zittern. Sie klang wie eine Angestellte, die ein amtliches Protokoll vorliest.
— Das ist kein Scherz, Lukas Winter.
Für einen Moment raubte ihm diese eisige Betonung die Fassung. Er hatte mit Geschrei gerechnet, mit Vorwürfen, mit Tränen vielleicht — mit allem, nur nicht mit dieser kühlen, fast unbeteiligten Ruhe.
— Was soll das heißen, kein Scherz? Hast du etwa die Schlösser austauschen lassen? Bist du noch ganz bei Verstand?
— Vollkommen, — antwortete sie im selben gleichmäßigen Ton. — Du kannst deiner Schwester ausrichten, dass in der Firma meines Vaters gerade eine Stelle frei geworden ist. Deine.
Lukas Winter verstummte. Er brauchte einige Sekunden, um die Bedeutung dieser Worte überhaupt zu erfassen. Langsam drangen sie durch die dicke Schicht seiner Selbstzufriedenheit. Entlassen? Wie, entlassen? Das war doch seine Arbeit… sein aufgebautes Geschäft… mit dem Geld ihres Vaters. Der Gedanke flackerte kurz auf, wurde jedoch sofort von einer neuen Welle aus Wut verschluckt.
— Du… du kannst das nicht machen! Das ist mein Job!
— Doch, — sagte Nora, ohne dass ihre Stimme auch nur um einen Hauch schwankte. — Es ist bereits erledigt. Und noch etwas: Morgen früh wird der Wagen abgeholt. Der Fahrer kommt zum Haus deiner Eltern. Leg die Schlüssel beim Pförtner ab. Mach es nicht unnötig kompliziert.
Er stand in der stillen, teuren Eingangshalle, das Telefon ans Ohr gepresst, das sich plötzlich anfühlte wie ein geöffnetes Tor in den Abgrund. Die Wohnung, die Arbeit, das Auto — das ganze sorgfältig gepolsterte Leben, das er für eine uneinnehmbare Festung gehalten hatte, zerfiel vor seinen Augen zu Staub. Nicht durch einen Skandal, nicht durch ein Gewitter, sondern durch ein paar leise, eiskalte Sätze.
Sein Blick blieb an der glänzenden Tafel mit der Wohnungsnummer hängen. Noch gestern hätte er geglaubt, dass hinter dieser Tür auch sein Name, sein Recht, sein Platz lag. Jetzt war es nur noch eine Nummer an einer fremden Tür.
— Nora… — Er erkannte seine eigene Stimme kaum wieder. Der Zorn war verschwunden, ebenso die überhebliche Sicherheit. Übrig blieb nur ein verwirrtes, klägliches Flehen.
Doch sie hörte ihm längst nicht mehr zu. Sie sprach nur noch den letzten Satz aus, und jedes einzelne Wort darin war geschliffen wie eine Klinge. Es war nicht bloß das Ende eines Telefonats. Es war der Schlussstrich unter ihr gemeinsames Leben.
— Hilf deiner Familie selbst, du Unterhaltsempfänger.
In der Leitung ertönte ein kurzes, abgehacktes Piepen. Lukas Winter ließ die Hand mit dem Telefon langsam sinken. Regungslos stand er vor der verschlossenen Tür, in der Tasche ein nutzloses Stück Metall, das einmal der Schlüssel zu seinem Leben gewesen war. Die Stille der Eingangshalle drückte schwer auf seine Ohren.
Er war allein. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren begriff er mit erschreckender Klarheit: Er besaß nichts, was wirklich ihm gehörte.