Geschichte
„Warum sollte ich eigentlich jeden Abend zu deiner Mutter gehen, sie baden und ihr die Windeln wechseln? Stell eine Pflegekraft für sie ein, denn ich mache das nicht länger“ sagte er in der Tür, während Laura fassungslos im Flur stehenblieb

„Warum sollte ich eigentlich jeden Abend zu deiner Mutter gehen, sie baden und ihr die Windeln wechseln? Stell eine Pflegekraft für sie ein, denn ich mache das nicht länger“ sagte er in der Tür, während Laura fassungslos im Flur stehenblieb

Unfaire Vorwürfe zerreißen die ohnehin fragile Ruhe.

1 259 Leser 7 Seiten ~4 Min.

— Warum sollte ich eigentlich jeden Abend zu deiner Mutter gehen, sie baden und ihr die Windeln wechseln? Stell eine Pflegekraft für sie ein, denn ich mache das nicht länger.

— Weshalb warst du heute nicht bei meiner Mutter?

Die Stimme von Lukas Meier traf Laura Schneider wie ein kalter Schlag in den Rücken. Sie stand noch im Flur und zog sich gerade die Schuhe aus; mit sichtbarer Erleichterung befreite sie ihre schmerzenden Füße aus den engen Büro-High-Heels. Den ganzen Tag hatte sie nur auf diesen Augenblick gewartet: endlich nach Hause kommen, ein weiches T-Shirt anziehen und auf dem Sofa die Beine ausstrecken. Aus der Mikrowelle drang bereits der Duft von Lasagne durch die kleine Wohnung und versprach eine bescheidene, aber redlich verdiente Ruhe. Doch Lukas Meiers Frage zerbrach diese fragile Idylle in einer Sekunde.

Sie drehte sich nicht um.

— Ich habe gearbeitet, Lukas Meier. Ich habe vergessen, dir zu sagen, dass der Quartalsbericht fällig war. Ich bin bis zum Schluss im Büro geblieben, — antwortete sie und bemühte sich, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen, nicht so erschöpft, wie sie sich tatsächlich fühlte.

Er rührte sich nicht. Breit, schwer und unzufrieden stand er weiterhin an der Schwelle. Seine Jacke war offen, aber nicht ausgezogen, als wäre er nur kurz hereingekommen, um Anklage zu erheben und gleich wieder zu verschwinden. Genau das war in letzter Zeit zu seiner Gewohnheit geworden: jedes Gespräch mit einem Vorwurf zu beginnen, ohne Laura Schneider auch nur einen Moment zum Atemholen zu lassen.

— Du hast gearbeitet. Alle arbeiten. Und sie sitzt dort allein und wartet. Sie hat damit gerechnet, dass du nach Feierabend bei ihr vorbeikommst. Wir hatten doch abgemacht, dass du jeden Abend nach dem Büro zu ihr gehst.

In seinen Worten lag keine Frage. Es war bereits ein Urteil über ihre Schuld. Erst jetzt richtete Laura Schneider sich auf und sah ihn an. Auf seinem Gesicht lag wieder dieser Ausdruck rechtschaffener Empörung, den sie immer häufiger an ihm bemerkte. Als wäre er der Staatsanwalt und sie die Angeklagte, die grundsätzlich schuldig war.

— Ich habe sie mittags angerufen und ihr gesagt, dass ich es nicht schaffe. Sie meinte, es sei alles in Ordnung, — sagte Laura Schneider und ging in Richtung Küche, fast instinktiv, als wollte sie aus der Schusslinie kommen. — Heute Morgen war die Sozialbetreuerin da und hat für sie eingekauft. Ich habe sie nicht einfach im Stich gelassen.

— Was hätte sie dir denn sonst sagen sollen? — Lukas Meier folgte ihr, und seine Stimme wurde lauter. — Dass es ihr schlecht geht und sie nicht einmal bis zur Toilette kommt? Sie beschwert sich nicht, sie ist stolz. So etwas müsstest du auch ohne Worte begreifen! Du, als zukünftige Hausfrau, als meine Frau, solltest solche Dinge voraussehen!

Mitten in der Küche blieb er stehen und nahm mit seiner bloßen Anwesenheit fast den ganzen Raum ein. Die Mikrowelle piepte, um zu melden, dass die Lasagne fertig war, doch niemand achtete darauf. Laura Schneider sah ihn an, und ihre Müdigkeit begann sich langsam in etwas anderes zu verwandeln: in eine kühle, klare Gereiztheit.

Tippe auf Weiter, um fortzufahren