— Lukas Meier, ich kann keine Gedanken lesen. Ich bin ein Mensch, der heute zehn Stunden fast ohne Pause gearbeitet hat. Ich konnte mich körperlich nicht zweiteilen.

— Das ist keine Erklärung. Das ist eine Ausrede, — schnitt er ihr das Wort ab. In seinen Augen lag ein harter, unbeugsamer Glanz. — Sich um sie zu kümmern, ist deine Pflicht. Deine direkte Pflicht als zukünftige Ehefrau. Das musst du verstehen und als Tatsache akzeptieren.

Er sagte es mit einer derart felsenfesten Überzeugung, als zitiere er aus einem Familiengesetzbuch, das er selbst verfasst hatte. Das Wort „Pflicht“ blieb in der Küchenluft hängen und verdrängte den Geruch des Essens ebenso wie die letzte Spur von Geborgenheit. Es klang fremd und amtlich, wie ein Stempel auf einem Formular, das man ohne Hinsehen unterschreiben soll.

Laura Schneider erstarrte. Das Summen des Kühlschranks hörte sie nicht mehr, auch nicht die Autos, die draußen vorbeifuhren. Sie betrachtete das Gesicht ihres Verlobten — das Gesicht des Mannes, den sie in zwei Monaten heiraten wollte — und sah darin weder Liebe noch Fürsorge noch einen Partner. Sie sah einen Kontrolleur, der gekommen war, um zu prüfen, ob sie ihre Arbeit ordentlich erledigte. In diesem Augenblick verdampfte die Erschöpfung des Tages vollständig. An ihre Stelle trat eine eisige, kristallklare Wachsamkeit.

— Pflicht? — wiederholte sie.

Sie sprach leise, beinahe ohne Betonung. Und doch klang dieses leise Wort in der Küche lauter als jeder Schrei. Sie sah ihm direkt in die Augen, mit dem Blick eines Menschen, der soeben auf einem vertrauten Bild ein entstelltes Detail entdeckt hat, das plötzlich die gesamte Bedeutung verändert.

— Ja. Was hast du denn gedacht?

Lukas Meier nickte zufrieden, als hätte sie die dümmste Frage der Welt gestellt und er endlich Ordnung in ihren Kopf gebracht. Dieses Nicken, dieser ruhige, selbstsichere Ton löste in Laura Schneider etwas aus. Nicht Hysterie. Etwas viel Kälteres und Endgültigeres. Auf einmal sah sie das ganze Bild deutlich vor sich, ohne rosarote Filter und ohne die Illusionen einer gemeinsamen Zukunft.

Nichts blieb übrig, woran sie sich noch hätte festhalten können.

Vor ihrem inneren Auge flackerten die Bruchstücke all dessen auf, was sie eben noch für Zukunft gehalten hatte: das weiße Kleid, das sie erst in der vergangenen Woche gemeinsam im Schaufenster betrachtet hatten; ihre lachenden Streitereien darüber, wohin die Hochzeitsreise gehen sollte; seine süßen Versprechen, er werde sie auf Händen tragen. Und über all diese Bilder legte sich nun ein anderes, erbarmungslos klares: Sie selbst, erschöpft nach einem langen Arbeitstag, nicht auf dem Weg nach Hause, sondern in die Wohnung seiner Mutter, in diese stickige Luft, die nach alten Medikamenten und abgestandenem Wasser roch.

Sie sah ihre eigenen Hände, wie sie Windeln wechselten. Spürte beinahe körperlich den ziehenden Schmerz im Rücken, weil sie einen schwachen, hilflosen Körper anheben musste. Und in diesem Bild stand Lukas Meier nicht neben ihr. Er war ganz woanders: in ihrer bequemen gemeinsamen Wohnung, wartete auf das Abendessen und war vollkommen überzeugt davon, dass seine Frau eben „ihre Pflicht“ erfüllte.