Laura Schneider lächelte bitter. Doch an diesem Lächeln war nichts Warmes, nichts Lebendiges. Es klang eher wie eine Saite, die unter zu viel Spannung gerissen war.
— Meine Pflicht? — wiederholte sie langsam. In ihrer Stimme lag jetzt ein metallischer Klang. — Du meinst also, ich heirate dich, damit deine Mutter eine kostenlose Pflegerin bekommt? Damit ich sie bade, ihr das Essen mit dem Löffel gebe und ihr bis zu ihrem letzten Tag die Windeln wechsle? Das ist die glückliche Ehe, die du mir anbietest?
Lukas zog die Brauen zusammen. Ärger verzerrte seine Züge. Mit so viel Gegenwehr hatte er nicht gerechnet. In seinem Weltbild nahm eine Frau die Rolle, die man ihr zuwies, dankbar und ohne großes Aufheben an.
— Warum musst du alles sofort so dramatisieren? — fuhr er auf. — Sie ist meine Mutter! Sie hat mich großgezogen, sie hat Nächte nicht geschlafen, sie hat—
— Erzähl mir nichts von ihren schlaflosen Nächten, — schnitt Laura ihm scharf das Wort ab. — Ich spreche gerade von meinem Leben. Von unserem Leben. Oder ist dafür gar kein Platz vorgesehen? Gibt es nur dein Leben und deine Mutter, und ich komme dann als eine Art Hauspersonal dazu, das auch noch dankbar sein soll, überhaupt gebraucht zu werden?
Lukas ging um den Tisch herum und stützte beide Hände auf die Tischplatte. Von oben sah er auf sie herab. Es war seine Lieblingshaltung in Auseinandersetzungen: breit, überlegen, als wäre die Sache allein durch seine Körpergröße entschieden.
— Das nennt man Familie, — sagte er hart. — Das nennt man Respekt vor den Älteren. In normalen Familien ist das selbstverständlich. Eine Ehefrau kümmert sich um ihren Mann und um seine Eltern. Das ist die Grundlage. Mein Vater hat seine Mutter bis zum letzten Tag versorgt, und meine Mutter hat ihm dabei geholfen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, das als Zumutung zu bezeichnen. Aber du… du bist offenbar aus anderem Holz geschnitzt. Für dich zählen nur Bequemlichkeit und Vergnügen.
Jedes seiner Worte traf sie wie eine kleine vergiftete Spitze. Er wollte sie verletzen. Er wollte, dass sie sich schuldig fühlte, egoistisch, herzlos, schlecht. Doch dafür war es zu spät. In ihr hatte bereits etwas begonnen, sich zu schließen. Schicht um Schicht legte sich eine eisige Panzerung um ihr Inneres.
— Ja, Lukas, vermutlich bin ich aus anderem Holz, — antwortete sie ruhig und hielt seinem Blick stand. — Aus einem Holz, bei dem Ehe eine Partnerschaft zwischen zwei gleichwertigen Menschen bedeutet. Nicht einen Vertrag über lebenslange Dienstbarkeit. Ich dachte, ich heirate einen Mann, mit dem ich gemeinsam etwas aufbauen kann. Jetzt erfahre ich, dass ich offenbar in einem Bewerbungsgespräch sitze. Für die Stelle einer Pflegekraft. Ohne Gehalt.
— Hör endlich mit diesem Unsinn auf! — Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, nicht besonders fest, eher als Zeichen seiner Wut. — Du suchst doch nur Ausreden, um dich zu drücken! Es ist doch keine große Sache, mal für ein, zwei Stunden vorbeizuschauen!
— Für ein, zwei Stunden? — Laura lachte leise, aber es war ein trockenes, freudloses Lachen. — Jeden Tag? Nach der Arbeit? Und am Wochenende wahrscheinlich auch? Wann genau sollen wir dann leben, Lukas? Wann sollen wir zusammen sein? Oder stellst du dir unsere Abende so vor: Du sitzt auf dem Sofa vor dem Fernseher, und ich rufe dich aus der Wohnung von Sabine Baumann an, um Bericht zu erstatten, ob die Windel gewechselt ist?