Er presste die Lippen zusammen, doch Laura ließ ihm keine Zeit, sich zu sammeln. Dieselben Worte, die er ihr eben noch wie eine Selbstverständlichkeit hingeworfen hatte, kehrten zu ihm zurück, nun scharfkantig und kalt.

— Meine Pflicht? — sagte sie noch einmal, diesmal mit einem beißenden, eiskalten Sarkasmus. — Wirklich, Lukas? Ich werde also deine Frau, damit du eine unbezahlte Betreuerin für deine Mutter bekommst? Damit ich sie wasche, füttere, hebe, wende, versorge — Tag für Tag, vielleicht jahrelang? Und du nennst das dann Familie?

Sein Gesicht veränderte sich. Die Stirn legte sich in tiefe Falten, die Verärgerung wich etwas Dunklerem. Er begriff, dass sie nicht einfach nachgeben würde. Nicht dieses Mal. In seiner Vorstellung hatte Laura Schneider immer leise gesprochen, hatte vermittelt, hatte sich angepasst. Diese Frau vor ihm sah ihn nun jedoch an, als würde sie ihn zum ersten Mal wirklich erkennen.

— Ich dachte, du liebst mich, — brachte er schließlich hervor und griff damit nach dem letzten, billigsten Argument, das ihm blieb.

Laura schüttelte langsam den Kopf.

— Das habe ich auch gedacht, — sagte sie leise. — Bis heute. Heute habe ich verstanden, dass du keine Liebe suchst. Du suchst Bequemlichkeit. Einen kostenlosen Zusatz zu deinem ohnehin komfortablen Leben. Liebe bedeutet für dich offenbar, dass ich ohne Widerspruch alles annehme, was du für mich beschlossen hast. Nun, mein Lieber. Das ist keine Liebe.

— Das ist reines Besitzdenken.

Das Wort traf Lukas Meier, als hätte sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Er wich ein Stück vom Tisch zurück, seine Züge verzogen sich. So etwas war er von Laura Schneider nicht gewohnt. Von seiner stillen, nachgiebigen Laura, die sonst eher schwieg, als eine offene Auseinandersetzung zu suchen. Und nun stand sie da und sah ihn an — kühl, prüfend, beinahe sachlich, als lege sie ihn auf eine unsichtbare Waage und sei vom Ergebnis zutiefst angewidert. Für einen Sekundenbruchteil huschte echte Verwirrung durch seine Augen. Gleich darauf wurde sie von einer neuen Welle gekränkter Eitelkeit verschluckt. Er merkte, dass ihm dieses Gespräch entglitt, und genau das konnte er nicht ertragen.

Da beschloss er, seine stärkste Karte auszuspielen. Diejenige, von der er überzeugt war, dass sie wirken musste.

Ohne ein weiteres Wort zog er sein Handy aus der Tasche. Jede seiner Bewegungen war betont langsam, beinahe bühnenhaft. Er sah Laura Schneider nicht an, doch er spürte ihren Blick auf sich ruhen, und gerade das gab ihm zusätzliche Sicherheit. In der Kontaktliste suchte er nach „Mama“, tippte auf das Hörersymbol und stellte sofort auf Lautsprecher. Es war sein letzter Einsatz, ein Alles-oder-nichts-Manöver: der Versuch, an ihr Gewissen zu appellieren, an jene vermeintliche weibliche Weichheit, auf die er so fest baute.

— Ja, mein Junge? — erklang aus dem Lautsprecher die dünne, zitternde Stimme von Sabine Baumann. Sie klang matt, wie durch Watte gedrückt. Die Stimme eines kranken, einsamen Menschen.

Lukas Meier warf Laura Schneider einen raschen, triumphierenden Blick zu. Da, hör nur. Hör zu und schäm dich.